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Herr Bachmann und seine Klasse

Geschrieben von Peter Gutting am 25. März 2021

Für eingängige, leicht konsumierbare Arbeiten ist Maria Speth nicht bekannt. Ihr Film „Töchter“ (2014) zeigt einen verstörenden Beziehungsclinch zwischen einer wohl situierten Lehrerin und einer obdachlosen Streunerin. Und in „Madonnen“ (2007) lässt sie Sandra Hüller eine haltlose Mutter spielen, die ihren fünf Kindern nicht gut tut. Da war es wohl Zeit für etwas Positives. Zwar sperrt sich auch der neue Dokumentarfilm der Regisseurin gegen gewohnte Formate, schon allein wegen seiner Länge von über dreieinhalb Stunden. Aber er macht Hoffnung: auf eine Schule jenseits von Konkurrenz- und Leistungsdruck.

Elternsprechtag für die Klasse 6b an der Georg-Büchner-Gesamtschule in der nordhessischen Gemeinde Stadtallendorf. Stefis Vater ist mit seiner Tochter gekommen. Steif und eingeschüchtert drückt er sich auf seinem Stuhl herum, lässt seine Tochter ins Bulgarische übersetzen, was Herr Bachmann sagt. Es geht um die Frage, ob Stefi im nächsten Jahr auf den Realschul- oder gar auf den gymnasialen Zweig wechseln soll. Der Vater guckt skeptisch, zuckt die Achseln. Da wechselt Dieter Bachmann das Thema. Er fragt den Vater, wie es war, aus Bulgarien erst nach Italien zu emigrieren, wo die Familie 20 Jahre lebte, und dann vor kurzem weiter nach Deutschland zu ziehen. Wie fühlt sich das an, zweimal die Heimat zu verlassen? Der Vater taut auf, sagt sogar ein paar Worte auf Deutsch. Um ihm zu zeigen, was für eine großartige Tochter er hat, ermuntert Bachmann Stefi, etwas zu singen – auf Bulgarisch. Wie Stefi hat die Mehrzahl der Klasse einen Migrationshintergrund, 70 Prozent der Familien stammen nicht aus Deutschland.

Es ist eine berührende Szene, denn das Interesse des Lehrers ist nicht gespielt, kein Smalltalk oder bloße Höflichkeit. Dieter Bachmann will wirklich wissen, was seine Schüler und ihre Eltern umtreibt. Man könnte sagen, er begegnet ihnen von Mensch zu Mensch und auf Augenhöhe, wenn das nicht so abgedroschen klänge. Eigentlich lässt es sich schwer beschreiben, Bilder haben es da einfacher. Sagen lässt sich jedoch, dass das Wertesystem, das der Lehrer seinen Schützlingen vorlebt, sich in zwei Worten zusammenfassen lässt: Respekt und Solidarität.

Maria Speth und ihr Kameramann Reinhold Vorschneider nehmen sich beeindruckend viel Zeit für die Gemeinschaft der Zwölf- bis 14-jährigen, die sie über ein Jahr lang begleiten. Alles Filmische – Kamera, Schnitt, Spannungsbogen – tritt hinter den kleinen Persönlichkeiten zurück beziehungsweise stellt sich in ihren Dienst. Es ist, als ob die Kamera versteckt wäre und der Zuschauer Mäuschen spielen dürfte. Der gemächliche Rhythmus erzeugt ein Gefühl des Mitlebens, des Dazugehörens. Der Film verzichtet auf Dramatik und Zuspitzung, er schwimmt mit den Höhen und Tiefen des Schulalltags quasi mit. Trotzdem wird er nicht langweilig. Denn die Filmemacher haben ein staunenswertes Gefühl für diejenigen Momente, in denen sich Charakteristisches verdichtet.

Etwa wenn vier Schülerinnen und Schüler den englischen Vokabeltest verhauen haben und Dieter Bachmann mit der Englischlehrerin verabredet, dass sie (und nur sie) den Test wiederholen dürfen. Vier der Englisch-Stars sollen sich ihre Mitschüler schnappen und mit ihnen Wörter pauken, danach gibt es eine zweite Chance. Jamie, einer der Guten, widerspricht. Sichtlich aufgebracht prangert er Ungerechtigkeit an. Leistung lohne sich wohl nicht mehr. Wie dieser Konflikt bearbeitet wird – darin spiegeln sich die schulpolitischen Debatten der letzten 50 Jahre. Trotzdem bleibt der Film ganz im Augenblick.

Dass das Konzept des reinen Zusehens – ohne Bewerten und Einordnen – aufgeht, hat etwas mit Musik zu tun, die Herr Bachmann neben Deutsch unterrichtet. Wenn es zu nervig oder langweilig ist, schnappt sich der Lehrer eine Gitarre, stellt eine Schülerin ans Mikro. Andere sitzen am Bass, am Schlagzeug, an weiteren Perkussionsinstrumenten oder singen einfach nur mit. Der Deep-Purple-Klassiker „Smoke on the Water“ röhrt aus den Lautsprechern, oder „Bello e Impossibile“ von Gianna Nannini, aber auch das Volkslied „Hejo, spann den Wagen an“. Eine Utopie von Gemeinschaft scheint auf, die Dieter Bachmann und seine Truppe sichtlich genießen. Antiautoritär ist das Ganze dennoch nicht, wie bereits die ersten Unterrichtsminuten klar machen. Dennoch hofft der Lehrer, die notwendige „Dressur“ auf zehn Prozent seines Unterrichts herunterzufahren.

Man kann vieles in „Herr Bachmann und seine Klasse“ sehen: eine Bestandaufnahme der Integration, eine Reflexion über das Bildungssystem oder gar eine Art Deutschlandporträt. Ganz sicher ist die einfühlsame Dokumentation aber das, was ihr Titel verspricht: Ein berührendes Kennenlernen von Herrn Bachmann und jedem seiner Schüler, die zu guten Bekannten des Zuschauers werden. Bleibt nur zu hoffen, dass neben der dreieinhalbstündigen Festivalversion auch eine kürzere und damit publikumsträchtigere Schnittversion in die Kinos kommt. Von möglichst vielen gesehen zu werden, hätte der Film verdient, der bei der Berlinale den Silbernen Bären der Jury gewann.

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Copyright: Grandfilm

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Länge: 217 min

Kategorie: Documentary

Start: 16.09.2021

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Herr Bachmann und seine Klasse

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 217 min
Kategorie: Documentary
Start: 16.09.2021

Bewertung Film: (8,0/10)

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