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Charlatan

Geschrieben von Peter Gutting am 25. März 2021

Wie Menschen unter die Räder totalitärer Systeme kommen, beschäftigt die polnische, 1981 nach Paris emigrierte Regisseurin Agnieszka Holland schon seit Beginn ihrer Karriere. „Hitlerjunge Salomon“ (1990), die in Deutschland wohl bekannteste ihrer Arbeiten, erzählt von der turbulenten Flucht eines jungen Juden aus Nazi-Deutschland, in das er letztlich unter falscher Identität zurückkehren muss, um zu überleben. Der Held ihres sehenswerten neuen Geschichtsdramas muss sich gleich mit zwei Unterdrückungsregimen auseinandersetzen. Da hilft es ihm wenig, sich aus allem heraushalten und nur seine Arbeit tun zu wollen. Mag er sich auch nicht für Politik interessieren – die Politik interessiert sich für ihn.

Blendend hell strahlt die Lampe, viel heller als das Sonnenlicht, das durch hohe Fenster in den dunklen, holzvertäfelten Raum fällt. Für Pflanzenheiler Jan Mikolášek (Josef Trojan) ist die gleißende Lichtquelle das wichtigste und neben den Heilkräutern einzige Arbeitsutensil. Der helle Strahl lässt die Urinproben leuchten, die die Menschen zu Hunderten zu ihm bringen. Er schaut sie an und stellt in Sekundenschnelle verblüffend korrekte Diagnosen. „Sie leiden unter schwerem Ausfluss“, sagt er einer Frau, die ihre Beschwerden noch gar nicht geschildert hat, aber von ihrem Hausarzt die Diagnose mitbringt, sie sei unfruchtbar. Unsinn, widerspricht der Heiler, sie sei kerngesund. Aber ihr Mann müsse aufhören, sie zu betrügen. Peinlich berührt verlässt die Frau das Sprechzimmer – mit einer Miene, als sei da ein Geheimnis ausgeplaudert worden, das sie sich selbst nicht einzugestehen wagte.

Das Helle und das Dunkle sind Leitmotive des Films, nicht nur in der fein austarierten Kameraarbeit von Martin Strba. Sondern auch im übertragenen Sinn. Jan Mikolášek – eine historische Figur – agiert in den ersten Sequenzen wie ein zerrissener, von Extremen gequälter Mensch. Er will heilen und tut dies tatsächlich, hilft täglich 200 Patienten, die vor den Toren seiner kleinen Privatklinik Schlange stehen. Aber der Urinexperte und Pflanzenkundler behandelt die Hilfesuchenden mürrisch, abweisend, gefühlskalt. Oft mischt sich, wie in der zitierten Szene, eine Spur von Sadismus in seine Behandlungsmethoden und privaten Beziehungen, eine Lust an der Demütigung und Bloßstellung. Später im Film wird er sich wünschen, er könne alles töten, was schlecht in ihm ist.

Die Handlung setzt ein im Jahr 1957. Antonín Zápotocký, der tschechoslowakische Präsident, ist gerade gestorben. Ihn hatte Mikolášek persönlich behandelt, unter seiner Herrschaft fühlte er sich sicher vor Anfeindungen und Neidern. Nun aber machen die regierenden Kommunisten Stimmung gegen den Heiler, nennen ihn einen Scharlatan, der dem Volk das Geld aus den Taschen ziehe, um sein bürgerliches Luxusleben zu finanzieren. Eine düstere Stimmung liegt in den Bildern, auf der Tonspur melden sich dissonante Streicher. Unterbrochen wird die thrillerartige Hexenjagd von Rückblenden, die Mikolášeks Jugend zeigen, seine Arbeit im Gartenbaubetrieb des Vaters, erste Heilerfolge, Ausbildung bei einer alten Heilerin in der Nähe. Es sind Kontrastbilder zur dumpfen Gegenwart: leuchtendes Grün, jugendlicher Enthusiasmus, warme, satte Farben.

Lücken und Sprünge im Erzählfluss machen deutlich, dass es Agnieszka Holland nicht um eine klassische Filmbiografie geht, nicht die um streng chronologische Nacherzählung der Fakten. Sondern um eine Reflexion über die Verflechtung von individuellem Lebenshunger mit widrigen Zeitumständen. Dass Mikolášek Nazi-Größen ebenso behandelte wie prominente Figuren des kommunistischen Nachfolgeregimes, wird ihm nicht als Ethos angerechnet, jedem Notleidenden zu helfen, gleich welcher Couleur und unabhängig von Armut oder Reichtum, Macht oder Hilflosigkeit. Sondern macht ihn verdächtig, auf der jeweils falschen Seite zu stehen.

Die Regisseurin stützt sich in diesem Punkt auf die Autobiografie des Mannes, der durch jahrelange Haft gebrochen wurde und verarmt starb. In anderen Hinsichten macht sie sich jedoch frei von dem Text, entwirft ihre eigene, fiktionale Sicht auf die historische Figur. So spinnt sie Gerüchte, die es um seine Homosexualität gab, weiter zu einer sinnlichen Liebesbeziehung mit seinem Assistenten František Palko (Juraj Loj). Jenseits des Melodrams zeigt der Film seinen zwiespältigen Helden hier in den einzigen Momenten, in denen er Gefühle zulassen und glücklich sein kann. Warum der Mann sonst so verstockt war, lässt die Regisseurin offen, eine Psychologisierung bleibt aus, Andeutungen müssen genügen. Das ist gut so. Lücken und Interpretationsspielräume hindern das prachtvoll ausgestattete Geschichtsdrama daran, in überemotionalisierte Hollywood-Muster abzudriften.

„Charlatan“ ist die packend erzählte Geschichte über den tschechoslowakischen Heilpraktiker Jan Mikolášek, der ein verblüffendes Talent für die Kräfte der Natur hatte und in seiner Zeit sehr berühmt war. Regisseurin Agnieszka Holland zeichnet ihn als widersprüchlichen und beinahe unsympathischen Menschen, aber die Suggestivkraft ihrer filmischen Mittel und das überragende Spiel von Hauptdarsteller Josef Trojan lassen menschliche Abgründe charismatisch schillern.

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Länge: 118 min

Kategorie: Drama

Start: 16.09.2021

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Charlatan

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 118 min
Kategorie: Drama
Start: 16.09.2021

Bewertung Film: (7,5/10)

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