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Aznavour by Charles

Geschrieben von Peter Gutting am 10. März 2021

Charles Aznavour braucht man nicht vorzustellen. Der französische Chansonnier hat rund 200 Millionen Tonträger verkauft und mehrere Autobiographien verfasst. Unentdeckt blieb bisher aber eine sehr persönliche Seite. Von 1948 bis 1982 hat der Mann mit der unverkennbar rauen Stimme unzählige Filme auf 8 und 16 Millimetern gedreht, mit künstlerisch geschultem Auge, aber doch für den Privatgebrauch. Diesen Schatz hat der Filmemacher Marc di Domenico wenige Monate vor Aznavours Tod im Jahr 2018 sichten dürfen. Der Sänger, der 94 Jahre alt wurde, erlaubte ihm, das Material zu verwenden, um daraus ein stimmungsvolles, berührendes Selbstporträt des großen Melancholikers zu formen.

Ein Hotelzimmer in Japan. Im Fernsehen zeigen sie eine grotesk lustige Szene. Ein kleiner Junge steigt zu einem ausgewachsenen Sumo-Kämpfer in den Ring. Der Knirps ist wie der Erwachsene nur mit der typischen weißen Hose bekleidet, die ein wenig an eine Windel erinnert. Er benimmt sich, als sei dies ein ganz normaler Kampf, zerrt an dem Goliath, attackiert ihn, versucht, einen Griff anzusetzen. „Das hat mich berührt“, kommentiert eine Off-Stimme die vom Fernseher abgefilmte Szene. Mehr wird nicht gesagt. Der Bilderstrom eines Filmtagebuchs geht weiter, wendet sich anderen Orten und Begebenheiten zu. Aber die Szene in Japan eröffnet einen emotionalen Assoziationshorizont. Warum wohl interessiert sich der selbst nur 1,60 Meter große Franzose mit armenischen Wurzeln, der gerade ausverkaufte Konzerte vor Asiaten gibt, die seine französischen Lieder mitsingen, für einen kleinen Jungen aus einer fremden Kultur?

So ähnlich wie der Ausschnitt ist die gesamte Dokumentation komponiert. Vermutlich über 90 Prozent stammen aus den alten Rollen des Hobbyregisseurs, nur selten gibt es Fremdmaterial, etwa aus Konzerten oder Filmen, in denen Aznavour mitgespielt hat. Dadurch ist es sozusagen ein Film von zwei Regisseuren. Er folgt dem persönlichen und teilweise intimen Blick, den Aznavour auf die Welt wirft. Zugleich ist er gefiltert durch die Kompositionskraft, mit der Marc di Domenico und seine drei Schnittmeister an das Material herangehen. Sie formen daraus gewisse Themen, etwa Aznavour und die Liebe, sie spüren Sehnsüchten nach, etwa der Suche nach den armenischen Wurzeln, und sie komponieren daraus Mini-Episoden, von denen sie sich offensichtlich angesprochen fühlen – Geschichten, die zugleich privat und universell sind.

Die äußeren Umstände und Zusammenhänge bleiben dabei nahezu ungeklärt. Die vom Schauspieler Romain Duris gesprochene Off-Stimme kümmert sich darum kaum, sondern speist sich vor allem aus Aznavours Texten und Interviewaussagen, die oft poetischen oder essayistischen Charakter haben. Durch die Montage wird der Zuschauer mitten ins Geschehen geworfen. Er sieht Bilder aus Afrika, aus Hongkong, aus Südamerika, ohne über Anlass und Zweck der Reisen informiert zu werden. Der Sog, der aus den schnell geschnitten Bildern entsteht, ist beabsichtigt. Nicht klassisches Nacherzählen eines Lebens oder strenge Chronologie ist das Konzept, sondern das Mitschwimmen im Bilderfluss, der Stromschnellen kennt und ruhigere Passagen. Letztere werden von Aznavours Liedern getragen, die nie ganz ausgespielt werden, aber Ankerpunkte bieten im Rausch des eher Unbekannten.

Faszinierend ist dabei das Zusammenspiel von Bild, Text und Chanson. „Das letzte Fenster vorm Sternenhimmel“ nennt Aznavour etwa die kleine Wohnung, die er sich mit seiner ersten Liebe leisten konnte. Dazu Bilder der Mansardenkammer von außen, von den kleinen Straßen, dem Viertel. Auf der Tonspur das Chanson „La Bohème“, in Parallelmontage groß das Gesicht des Sängers, abwechselnd mit den Ansichten des Quartiers. Sind die Bezüge von Wort, Film und Lied hier noch vergleichsweise naheliegend, verschiebt die Montage an anderen Stellen die Assoziationskette, mit ähnlich poetischem Effekt. Als „im Herbst angekommen“ empfindet Charles die Liebe zu seiner zweiten Frau Evelyne, dazu sieht man die Bilder ihres letzten Sommers, vermeintlich unbeschwerte Tage am Meer, auf Booten und Wasserskiern.

Auf diese Weise erfährt man viel über die Person des Chansonniers, nur nicht so, wie man es vielleicht von einer Filmbiografie erwartet hätte. Statt alles über den Star serviert zu bekommen, lernt man seine Gefühle kennen, die er hier nicht nur in Liedern ausdrückt, sondern in dem, was er für filmenswert hielt. „Ich filme, also existiere ich“, sagt er einmal. Schöner kann man wohl nicht beschreiben, was die Kamera für das eigene Leben bedeutet.

„Le regard de Charles“, heißt der Film im Original – der Blick von Charles. Das trifft die Machart sehr gut und ist dennoch zu bescheiden. Wie Regisseur Marc di Domenico die 40 Stunden Filmmaterial aus dem privaten Bestand von Charles Aznavour verarbeitet hat, ist virtuos. Es zeugt von einer tiefen Liebe zu dem 2018 verstorbenen Sänger – und vom Mitschwingen mit einer verwandten Seele.

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Copyright: Arsenal

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Länge: 85 min

Kategorie: Documentary

Start: 20.05.2021

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Aznavour by Charles

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 85 min
Kategorie: Documentary
Start: 20.05.2021

Bewertung Film: (7,5/10)

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