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A black Jesus

Geschrieben von Peter Gutting am 10. März 2021

Braucht es einen weiteren Film über Migration? Unbedingt, zumindest wenn er fernab von Klischees und Nachrichtenbildern mit einer originellen Geschichte aufwarten kann. Aus der Heimatstadt seiner Familie kennt Regisseur Luca Lucchesi seit langem die Verehrung einer schwarzen Jesusfigur, die jährlich am 3. Mai in einer feierlichen Prozession durch die engen Gassen getragen wird. Wie aber halten es die Bewohner mit den ebenfalls Schwarzen, die übers Mittelmeer zu ihnen kommen? Das wollte der Filmemacher genauer wissen, als er nach seinem letzten Besuch in Siculiana auf Hunderte von Demonstranten traf, die eine Schließung des nahe gelegenen Flüchtlingszentrums forderten.

Die Kamera liebt die Lüfte. Wie ein Adler segelt sie auf die Steilküste mit vorgelagertem Strand zu, schwingt sich über den dicht bebauten Hügel, wo enge Gassen auf die zentrale Pfarrkirche zulaufen. Und immer wieder lässt sie den Blick über die Weite des Meeres schweifen, schaut in den blauen Himmel, als würde sie gerade am Strand liegen und die Großzügigkeit des mediterranen Lebens genießen. Die Schönheit der Szenerie können wohl vor allem die Kurzzeit-Heimkehrer genießen, also die Familien derjenigen, die seit den 1960er Jahren weggegangen sind und sich anderswo eine Existenz aufgebaut haben. Das sind nicht wenige. Heute habe Siculiana, im Südwesten Siziliens gelegen, weniger als 5000 Einwohner, erzählt ein Einheimischer im Film. Im Sommer aber, wenn die „Auswanderer“ ihre alte Heimat besuchen, würden sich 15 000 Menschen im Ort und an den Stränden drängen.

Es sind die Jahre 2018 und 2019. Matteo Salvini, der starke Mann in Italiens inzwischen abgelöster Populisten-Regierung, wettert im Radio gegen Zuwanderer, verweigert Rettungsbooten mit Geflüchteten die Einfahrt in italienische Häfen. Das Gift seiner Rhetorik fällt auch in Siculiana auf fruchtbaren Boden. Vor allem bei denen, die hart arbeiten und trotzdem arm bleiben, sowie bei den Älteren, die zurückgeblieben sind. Wie bei jenen an sich sympathischen und lebenslustigen alten Damen, die sich gemeinsam zum Kochen treffen und Spaß miteinander haben. Hier genießt nur der schwarze Jesus Verehrung, nicht ein echter Schwarzer. „Sie sehen aus, als wären sie in Tinte gefallen“, spottet eine von ihnen über die rund 400 Afrikaner im separat gelegenen Flüchtlingszentrum, die sich nur zögerlich in die Stadt trauen.

Der 19-jährige Edward aus Ghana kennt die ablehnende Haltung der einheimischen Bevölkerung. Trotzdem steht er mit seinen Freunden am Straßenrand, als die volksfestähnliche Zeremonie den schwarzen Jesus durch die Gassen trägt. Dicht an dicht gedrängt nehmen einheimische Männer das schwere Holzpodest mit der überlebensgroßen Christusstatue auf ihre Schultern, eine ebenso ehrenvolle wie schweißtreibende Aufgabe. Die Szene weckt in Edward einen Wunsch. Im nächsten Jahr möchte er ebenfalls an der heiligen Zeremonie teilnehmen, auch Schwarze sollen die dunkle Figur schleppen helfen. „Jesus ist für alle da“, glaubt Edward. Ob das die Mehrheit des Ortes dulden wird, ist eine spannende Frage.

Regisseur Luca Lucchesi und seine Drehbuch-Koautorin Hella Wenders (Nichte von Wim Wenders, der als Produzent fungiert) vermeiden die naheliegende Dramatisierung des Konflikts. Das tut dem Film ungeheuer gut. Statt sich auf abgenutzte Freund-Feind-Schemata zu stürzen, wenden sie sich liebevoll den Menschen zu. Und zwar denen auf der einen Seite, wie den zusammen kochenden Frauen, genauso wie den Geflüchteten auf der anderen Seite, aber auch jenen zwischen den Fronten, etwa einer Schulklasse, die die Migranten zum Dialog einlädt. Da ist etwa der freundliche Obst- und Gemüsehändler, der seine Heimat über alles liebt, aber seinem Sohn das Auswandern nicht ausreden kann, weil es eben in Siculiana weder Arbeit noch Perspektive gibt. Und da ist der Lehrer, der den Geflüchteten Mut macht, sich in Italien zu integrieren, aber an der Stimmungsmache der Regierung verzweifelt. Und da ist der alte Mann, der mit 17 nach Köln emigrierte, als Rentner wieder zurückkehrte und nun beklagt, dass so viel wertvolles Land brach liegt, weil Arbeitskräfte fehlen. Die wären zwar im Flüchtlingslager massenhaft vorhanden, aber man lässt sie nicht.

Eingebettet sind solche nur angerissenen Porträts in einen ruhigen Erzählfluss, der dem Zuschauer Luft lässt für eigene Betrachtungen. Die Kamera, vom Regisseur selbst geführt, wechselt von stimmungsvollen Panoramen zu liebvollen Details, wie ein Flaneur, der keine Eile hat und eher betrachten möchte als bewerten. Dass der eigentliche Reiz und die emotionale Kraft des Films sich dennoch aus der überraschenden Wendung des zentralen Konflikts speisen, soll hier nicht unerwähnt bleiben, aber nicht im Detail verraten werden.

„A black Jesus“ ist eine bildstarke Dokumentation, die von einer paradoxen Ausgangslage lebt. Eher schmunzelnd als verbissen nimmt Regisseur Luca Lucchesi den Zuschauer mit in die sizilianische Heimatstadt seiner Familie. Die Filmemacher reiten nicht auf dem Wahnwitz herum, dass sich Menschen, deren Angehörige selbst emigriert sind, gegen Migranten wehren, die zu ihnen kommen. Sie unterlaufen eine drohende Schwarz-Weiß-Malerei mit liebevollen Blicken und anteilnehmender Beobachtung, ohne ihre eigene Haltung zu verraten.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: © Luca Lucchesi, Road Movies

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Länge: 90 min

Kategorie: Documentary

Start: 13.05.2021

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A black Jesus

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Documentary
Start: 13.05.2021

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