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Proxima: Die Astronautin

Geschrieben von Peter Gutting am 27. Dezember 2020

In „Aufbruch zum Mond“ (2018) von Damien Chazelle gibt es eine bewegende Szene am heimischen Küchentisch. Neil Armstrong, gespielt von Ryan Gosling, soll seinen Söhnen erklären, dass er von seinem Menschheitsabenteuer womöglich nie zurückkehrt. Er tut es nicht freiwillig, seine Frau zwingt ihn dazu. Am liebsten hätte er sich gedrückt, hätte alles Persönliche verdrängt und sich nur auf seine große Mission konzentriert. Männer konnten sich das leisten in den 1960ern, ohne als schlechte Väter zu gelten. Aber wie steht es heute? Und vor allem: Was passiert, wenn nicht ein Vater, sondern eine Mutter ins All fliegt? Regisseurin Alice Winocour spürt dem Konflikt zwischen beruflicher Leidenschaft und emotionaler Bindung mit feinfühliger Genauigkeit nach.

„Ich will einmal fünf Kinder haben“, erklärt die siebenjährige Stella (Zélie Boulant-Lemesle) ihrer allein erziehenden Mutter Sarah (Eva Green). Die wundert sich. So viele? Ja, beharrt die Kleine: „Und ich werde eine gute Mutter sein“. Die Mama zuckt kurz. Könnte die mit großer Bestimmtheit vorgebrachte Wunschvorstellung eine indirekte Kritik verbergen? Eine verborgene Unzufriedenheit? Nur für einen Moment scheinen Sarah diese Fragen durch den Kopf zu schießen. Dann hat sie sich wieder gefangen, macht weiter, als wäre nichts geschehen. Sarah ist keine Frau, die sich über vage Vermutungen und spekulative Annahmen den Kopf zerbricht. Dazu steht sie zu fest mit beiden Beinen auf der Erde – dem Planeten, den sie schon bald verlassen wird.

Als die Mutter selber ein kleines Mädchen war, hatte sie andere Träume als Stella. „Schon als Achtjährige habe ich beschlossen, Astronautin zu werden“, erklärt sie einem Reporter. Genau diesen Weg ist Sarah gegangen: Ein Ass in Naturwissenschaften, körperlich durchtrainiert, arbeitet sie bei der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA, genauer gesagt in deren Kölner Trainingszentrum für bemannte Weltraumflüge. Überraschend erhält sie die Chance, die Mars-Mission mit vorzubereiten. Das heißt: mehrwöchiges Trainingscamp in der russischen Astronautenstadt Star City, dann Weiterfahrt und Quarantäne im Weltraumbahnhof Baikonur, wo die Rakete zur Internationalen Raumstation startet. Ein ganzes Jahr soll sie dort oben bleiben. Tochter Stella wird in dieser Zeit zu ihrem Vater Thomas (Lars Eidinger) ziehen.

Gedreht an realen Schauplätzen, holt „Proxima: Die Astronautin“ die in vielen Filmen gefeierte Weltraumromantik auf den Boden der Tatsachen zurück. Unterwassertraining bis zur Ohnmacht, simulierte Reparatur-Arbeiten mit einem bellenden Kommandoton auf den Kopfhörern, Umhergeschleudertwerden bis zum Erbrechen – das ist der Trainingsalltag für Sarah und ihre beiden männlichen Kollegen Mike (Matt Dillon) und Anton (Aleksey Fateev). Nur mit dem Unterschied, dass Sarah in den kurzen Pausen oder sogar während des Trainings mit ihrer Tochter telefoniert, skyped oder mailt, ein Multitasking, dass auch weniger hoch hinaus wollenden Müttern bestens bekannt vorkommen dürfte. Mit dokumentarischer Genauigkeit fängt die agile Kamera von George Lechaptois die extreme Belastung ein. Schmucklose Bilder, ergänzt von verwackelten Handy-Videos springen hin und her zwischen dem fernen Russland und der in Deutschland zurückgebliebenen Stella, immer nah bei den Gesichtern von Mutter und Tochter, aus deren unterschiedlichen Perspektiven der Film erzählt ist.

Dabei sind es die kleinen Gesten, die zählen. Etwa wenn Stella, getrennt durch eine Scheibe, ihrer Mutter zusieht, wie diese zur Feier ihrer Berufung eine kleine Rede hält. Verunsichert und skeptisch schaut sie da, ausgeschlossen von der Welt der Erwachsenen, die sich über die Bedürfnisse einer Siebenjährigen einfach hinwegsetzen. Aber auch die Faszination für die fremde, ihr bislang unzugängliche Welt der Mutter spiegelt sich auf dem kleinen Gesicht. Und als die Rede beendet ist, klatscht sie voller Begeisterung. Solche Blicke tragen den Film, dem die beiden Hauptdarstellerinnen eine alltagsnahe Glaubwürdigkeit verleihen. Eben weil die realen Verhältnisse so herzzerreißend sind, ist es umso erstaunlicher, wie behutsam sich Eva Green als Mutter an den Spagat herantastet, ein Kämpferherz mit mütterlichen Instinkten zu versöhnen. Vor allem der weibliche Teil des Publikums dürfte sich in der Zerreißprobe zwischen beruflichen und privaten Träumen wiedererkennen. Die Astronautenwelt ist ein extremes Beispiel des Verhältnisses von nah und fern, von Abnabelung und Bindung. Sie regt Gedanken zum allgemeinen Konflikt zwischen persönlicher Selbstverwirklichung und Eltern-Kind-Beziehung an, ohne zum bloßen Symbol zu verkommen.

„Proxima: Die Astronautin“ geht im Bemühen, möglichst realitätsnah von der Raumfahrt zu erzählen, noch einen Schritt weiter als etwa „Aufbruch zum Mond“. Statt ein typisches Heldenepos zu erzählen, setzt die französische Regisseurin Alice Winocour den wenigen, meist unbekannten Raumfahrerinnen ein Denkmal, die sich gegen die Vorurteile einer Männerdomäne durchboxten und ihren Traum lebten, ohne auf Kinder und Familie zu verzichten.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Koch Films

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Länge: 107 min

Kategorie: Drama, Action

Start: 21.01.2021

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Proxima: Die Astronautin

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 107 min
Kategorie: Drama, Action
Start: 21.01.2021

Bewertung Film: (7,5/10)

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