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Notre Dame – Die Liebe ist eine Baustelle

Geschrieben von Peter Gutting am 27. Dezember 2020

Rund 13 Millionen Touristen besuchen jedes Jahr die Kathedrale „Notre Dame“ in Paris – das war vor dem verheerenden Feuer 2019. Noch ein Jahr früher drehte Valérie Donzelli ihren Film, der jetzt erst in die deutschen Kinos kommt. Unbeabsichtigt wurde ihre quirlige Liebeskomödie zu einer Liebeserklärung an das damals noch unbeschädigte Bauwerk, vor allem in den Eingangssequenzen, wenn die Kamera die Bögen, Figuren und Türmchen der reich geschmückten Kirche umschmeichelt. Ganz bewusst aber streut die Regisseurin andere Hinweise auf die jüngere französische Vergangenheit ein – kleine Hinweise darauf, vor welchem Hintergrund sie ihre Wohlfühlbotschaft des positiven Denkens verstanden wissen will.

Langsamer Schwenk über eine der schönsten Städte der Welt: Der Blick über die Dächer von Paris weckt Fernweh oder heimatliche Gefühle, je nach Standort. Begleitet wird er von einem gut gelaunten, gepfiffenen Lied. Aber der andere Teil der Tonspur sorgt für Kontrast. Ein Nachrichtensprecher kündigt einen Hurrikan an, der mit 200 Stundenkilometern über die Stadt brausen wird, die Vogesen sind schon überschwemmt, während der See von Annecy kurioserweise ausgetrocknet ist. Das Wetter spielt genauso verrückt wie die Menschen. Grundlos werden Passanten geohrfeigt, aus heiterem Himmel und immer wieder. Klimakrise, Terrorismus: Ganz Paris versinkt in Depression.

Auch für Maud (Valérie Donzelli) hält das Leben deprimierende Überraschungen bereit. Die allein erziehende Mutter zweier Teenager ist ungewollt schwanger und droht ihren prekären Job als Architektin durch einen dummen Zufall zu verlieren. Aber immer, wenn jemand ganz unten ist, hebt der Film zu Höhenflügen an. Märchenhafte Dinge passieren und plötzlich soll die fast gefeuerte Architektin den Vorplatz von „Notre Dame“ neu gestalten. Ein Riesenauftrag von 121 Millionen Euro könnte ihre Rettung sein, zumal Maud in dem ganzen Presserummel ihre Jugendliebe Bacchus (Pierre Deladonchamps) wiedertrifft. Aber liegt das Glück in einer Stadt wie Paris tatsächlich in materiellen Dingen?

Die Antwort auf diese Frage ist längst nicht so spannend wie die Machart des Films. Regisseurin Valérie Donzelli lässt Ideen wie Champagnerperlen sprudeln, eine Kuriosität jagt die nächste, ohne Rücksicht auf genretypische Konsistenz. Die Komödie wechselt ins Märchen, springt zurück in die Satire (auf ein merkwürdiges Gebaren von Politik oder Justiz), hebt dann wieder ab ins Surreale, taucht kurz in echte Träume ein und findet sich schließlich erneut im ganz realen Chaos einer allein erziehenden, berufstätigen, liebesverwirrten Mutter wieder. Das wirkt liebenswert unfertig, wie improvisiert, zusammengehalten durch die oft beschworene, nie genau zu fassende französische Leichtigkeit. Irgendwann gegen Schluss fangen die Schauspieler zu singen an. Dann steht für einen Moment das Gefühl im Raum, dass ein durchgängiges Musical vielleicht am besten zum lebensfrohen, sorgenlosen Grundton des Ganzen gepasst hätte. Aber dann verwirft man den Gedanken wieder, weil eben jedes Genre der frei flottierenden Phantasie Grenzen setzt.

Ganz offensichtlich macht Valérie Donzelli, die seit 1999 als Schauspielerin arbeitet und dies auch weiter tut, Filme nicht zum Broterwerb. Sondern weil sie Spaß daran hat, biografisch Erlebtes in Fiktion zu übersetzen und dabei alle Freiheiten zu genießen. Das war schon 2011 in „Das Leben gehört uns“ so, als sie die Krebserkrankung ihres Sohnes in lebensbejahenden, grundoptimistischen Bildern verarbeitete. In noch bunteren Farben kann „Notre Dame – Die Liebe ist eine Baustelle“ die Hommage an das positive Denken ausschmücken. Schließlich ist die Fallhöhe zwischen Tragik und Komik hier wesentlich geringer. Die ungebremste Lebenslust, die sich auch im Spiel der Hauptdarsteller spiegelt, hat einen mitreißenden, sympathischen Effekt. Der hilft auch über manche Schwächen hinweg, etwa über einen gewissen Übersättigungseffekt bei immer neuen Einfällen, oder über den sich manchmal einschleichenden Verdacht, dass die vielen Kuriositäten nur das eher dünne Grundgerüst der Handlung verdecken sollen.

„Notre Dame – Die Liebe ist eine Baustelle“ lässt sich nicht in gängige Schubladen pressen. Der Film sprengt das Genre der romantischen Komödien und nimmt märchenhafte Anleihen bei „Die wunderbare Welt der Amélie“, ohne diesen Klassiker kopieren zu wollen. Manchmal übertreibt Regisseurin und Hauptdarstellerin Valérie Donzelli zwar das Feuerwerk an Ideen. Unterm Strich steht jedoch eine unterhaltsame, bemerkenswert gut gelaunte Verbeugung vor dem Konzept des positiven Denkens.

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Copyright: Wfilm

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Länge: 88 min

Kategorie: Crime, Drama, Romance

Start: 11.03.2021

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Notre Dame – Die Liebe ist eine Baustelle

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 88 min
Kategorie: Crime, Drama, Romance
Start: 11.03.2021

Bewertung Film: (7/10)

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