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Himmel über dem Camino

Geschrieben von Peter Gutting am 27. Dezember 2020

Filme über den Jakobsweg gibt es eine ganze Menge. Legendär ist „Ich bin dann mal weg“ (2015) nach dem Bestseller von Hape Kerkeling. Aber auch „Saint Jaques –Pilgern auf Französisch“ (2005) und der amerikanische „Dein Weg“ (2010) hinterließen bleibende Eindrücke. Jetzt haben zwei Dokumentarfilmer aus Neuseeland und Australien die Reise um die Welt angetreten, um in Frankreich und Spanien die Wanderstiefel zu schnüren. Zusammen mit seinen sechs Protagonisten, ebenfalls aus „Down Under“, ist das dreiköpfige Filmteam über eine berühmte Teilstrecke von 800 Kilometern marschiert. Daraus ist weniger ein Film über den „Camino“, wie er auf Spanisch heißt, entstanden. Sondern mehr ein intimes Porträt über die Gruppe von Pilgern, die bereit war, sich bei den Strapazen filmen zu lassen.

Sue weint. Sie kann einfach nicht mehr. Minutenlang hatte sie wie ein Mantra „Du schaffst das“ vor sich hingemurmelt. Und auch: „Nicht weinen“. Aber jetzt, irgendwo in einer Herberge am Weg, ist die 70-Jährige mit ihrer Willenskraft am Ende. Ganz egal ob die Kamera dabei ist, Sue kann ihre Schmerzen, ihre Verzweiflung und ihre Wut nicht verbergen, auch wenn sie zunächst abwiegeln möchte: „Es ist nur der Fuß“. Schnitt: 420 Kilometer zuvor. Sue ist sich sicher: „Ihr werdet von mir keinen Zusammenbruch sehen“, sagt sie dem Mann mit der Kamera, der neben ihr herläuft. Es sind die ersten Kilometer, die Zeit des Kennenlernens. Sie habe degenerative Arthritis und ein Problem mit der Wirbelsäule, erzählt die Frau mit einem trotzigen Leuchten in den Augen. Aber den Camino zu laufen, sei schon lange ihr Traum. Vielleicht bietet sich jetzt, wo sich ihr körperlicher Zustand nach langen Klinikaufenthalten einigermaßen gebessert hat, ihre letzte und einzige Chance.

Die Regisseure Noel Smyth und Fergus Grady haben Sues Zusammenbruch an den Anfang des Films gerückt. Sie setzen damit ein Zeichen für die große Nähe und das enorme Vertrauen, das unter den Marschierern in 42 Tagen entstanden ist. Auch andere der sechsköpfigen Gruppe lassen eine ungewöhnliche Intimität zu. Julie zum Beispiel, die die Pilgerreise angetreten hat, um die kurz aufeinanderfolgen Tode ihres Mannes und ältesten Sohnes zu bewältigen. Auch sie verlangt in Momenten großen Schmerzes nicht, die Kamera abzuschalten. Andere hingegen machen die bittersten Momente lieber mit sich selbst aus. Mark hat seine Tochter Maddy verloren, die mit 17 den Kampf gegen Mukoviszidose verlor. Er begleitet seinen Schwiegervater Terry, der in jeder Minute des Weges an Maddy denken will.

„Gehen ist des Menschen beste Medizin“, lautete das Zitat des antiken Arztes Hippokrates, das dem Film voran gestellt ist. In vielen Einstellungen könnte man das gewählte Motto für puren Zynismus halten. Immer wieder rückt die Kamera umwickelte Zehen und Füße ins Bild, schaut auf Wanderschuhe im Matsch, drückt sich nicht vor dem Humpeln und Schwanken auf den letzten Kilometern. Zwischen 20 und 25 Kilometer umfassen die Etappen, viele Schlafsäle sind Gemeinschaftsunterkünfte, am nächsten Morgen dasselbe Programm, Laufen bis zum Umfallen. Kaum ein Film hat die Härten des berühmten Weges so sehr ins Blickfeld gerückt, vermutlich auch deshalb, weil die Filmemacher sie am eigenen Leib erfahren haben.

Und doch: Die Tonlage der Dokumentation ist optimistisch, fast heiter. Sie beschwört die erwünschte Heilung nicht, niemand wird gefragt, ob sich das Ganze letztlich gelohnt habe. Aber der filmische Rhythmus und der Blick in die Gesichter bringen dem Zuschauer die einschneidende Erfahrung zumindest nahe, die die Filmemacher im Presseheft so formulieren: „Wer den Jakobsweg gemeistert hat, ist nicht mehr derselbe Mensch, der er am Anfang war“.

Dies filmisch zu beglaubigen, ist vor allem die Leistung der Montage. Chronologisch springt der Film vor und zurück, verbindet die manchmal gar zu wackeligen Handkamerabilder mit ruhigen Gesprächsszenen oder ausgelassenem Feiern am Abend, ergänzt das Nebenherlaufen der Kamera mit Drohnenflügen aus der Luft, beschwört die Eintönigkeit mancher Streckenabschnitte ebenso wie landschaftlich reizvollere Gegenden. Die Geschichte und religiösen Hintergründe des Jakobsweges spart der Film fast vollständig aus Er konzentriert sich allein auf seine Protagonisten, von denen einige nach 80 Minuten Filmlänge fast so etwas wie gute Bekannte geworden sind.

„Himmel über dem Camino“ wird wohl kein weiterer Klassiker unter den Filmen über den Jakobsweg. Aber die Dokumentation fügt den bisherigen Betrachtungen über die lebensverändernde Kraft des Fernwanderns ein paar neue Aspekte hinzu. Faszinierend ist vor allem die große Nähe, die die australisch-neuseeländischen Filmemacher Noel Smyth und Fergus Grady zu ihren Wanderfreunden aufgebaut haben.

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Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Ascot Elite

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Länge: 80 min

Kategorie: Documentary

Start: 11.03.2021

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Himmel über dem Camino

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 80 min
Kategorie: Documentary
Start: 11.03.2021

Bewertung Film: (6,5/10)

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