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Cemetery of Splendour

Geschrieben von Frank Schmidke am 27. November 2015

Cemetery-of-splendor-01-ctFür “Onkel Bonmee erinnert sich an seine früheren Leben” gewann der thailändische Filmmacher Apichatpong Weerasethakul in Cannes die Goldene Palme. Auch in „Cemetery of Splendour“, seinem neuesten Film, spielt der Einfluss vergangener Geister eine wichtige Rolle. Quasi im Schlaflabor träumen sich die Geister zurück ins Leben.

Cemetery-of-splendor-02-ctBaggerlärm dringt durch die offenen Fenster des alten Gebäudes, das seit kurzem als Krankenhaus genutzt wird. Eine Station ist allein Soldaten vorbehalten, die an einer unerklärlichen Schlafkrankheit leiden. Als freiwillige Krankenschwester kümmert sich die ältere Dame Jen (Jenjira Pongpas), deren eines Bein deutlich kürzer ist als das andere, um die Schlafenden. Besonders dem jungen Itt (Banlop Lomnoi) fühlt sie sich verbunden. Niemand weiß, was die seltsame Narkolepsie auslöst und das Krankenhaus nutzt neue Therapieformen, um die Soldaten besser zu versorgen. Farbige Lampen und Beatmungsgeräte sollen für besseren Schlaf und bessere Träume sorgen.

Cemetery-of-splendor-05-ctAngehörige der Soldaten nutzen die übersinnliche Gabe der junge Keng (Jarinpattra Rueangram), um mit den Soldaten in Kontakt zu treten. Jen und Keng freunden sich an und Keng erzählt der älteren Frau von Itts Träumen. Es heißt, dass auf dem Gelände, wo heute das Krankenhaus steht und wo zuvor die Schule war, in die Jen gegangen ist, vor 2000 Jahren ein Königspalast gestanden habe, und die schlafenden Soldaten würden nur für die damaligen Herrscher kämpfen. Dann wacht Itt für kurze Zeiträume auf und Jen zeigt ihm die Stadt und sorgt dafür, dass der junge Soldat wieder zu Kräften kommt. Aber Itt verfällt immer wieder urplötzlich in Schlaf.

Cemetery-of-splendor-03-ctWie kaum ein anderer zeitgenössischer Filmmacher versteht es der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul („Tropical Malady“, „Onkel Bonmee erinnert sich an seine früheren Leben“), die Gegenwart mit der Vergangenheit und die Vergänglichkeit mit der Ewigkeit zu verknüpfen. Dabei geht es, anders als in „Onkel Bonmee“, in „Cemetery of Splendour“ – übersetzt etwa „Friedhof der Herrlichkeit“ – äußerst diesseitig zu. Dabei kommt der Film ohne viel Effektgetöse aus und ganz wie selbstverständlich treten die Geister, Gottheiten und Stimmen in unsere Welt ein. Das ist schon irritierend und machte es – zumindest für mich – nicht immer leicht, die metaphysische Dimension zu erfassen. Mir bleiben bei Apichatpong Weerasethakuls Werken immer erhebliche  Restzweifel, ob ich den  Filmmacher überhaupt verstanden habe.

Cemetery-of-splendor-06-ct„Cemetery of Splendour“ ist ein ruhiger, fließender, linear erzählter Film, der sich auf seine Hauptfigur Jen konzentriert; dargestellt von Jenjira Pongpas, mit der Apichatpong Weerasethakul bereits mehrfach  zusammenarbeitete. Häufig bleibt die Kamera auf der Krankenstation, auf dem Gelände des Gebäudes oder im Park, ohne dass vordergründig viel passieren würde. Dabei ist hier einiges los: Die beiden Prinzessinnen aus dem Schrein, zu dem Jen betet, schauen extra vorbei, um sich bei ihr für die Gaben zu bedanken und Itt führt seine neue Freundin durch den antiken Königspalast.  Die schlafenden Soldaten sollen ihre Geliebten preisgeben, sich zu der geplanten Kücheneinrichtung äußern, oder schlicht sagen, was sie gerne essen wollen.

Das ist nicht ohne Humor und lässt den Zuschauern viel Raum für Gedanken und Assoziationen. Vor allem die Lichtinstallation im Krankensaal, die der Filmmacher auch auf nächtliche Stadtimpressionen überträgt, ist sehr eindrücklich geraten. Dazwischen schneidet der Filmmacher aber immer wieder Sequenzen aus der Stadt und der Umgegend, die zwar zusammenhanglos wirken, sich aber auch nahtlos in die Stimmung von „Cemetary of Splendour“ einfügen. Die herumliegenden Plastikdinos etwa, oder auch der Blick über den See, an dem die Stadt Khon Kaen im Nordosten Thailands in der Provinz Isan liegt.

Cemetery-of-splendor-08-ctApichatpong Weerasethakul ist hier aufgewachsen und ein wesentliches Anliegen seines achten Langfilms ist es, die Geister seiner Kindheit zu suchen. Seine Eltern waren Ärzte und der Filmmacher hat viel Zeit in Hospitälern verbracht, aber auch einige Orte seiner Heimatstadt haben sich „wie Parasiten an ihm festgeklammert“. „Cemetery of Splendour“ ist dabei aber keineswegs introvertiert und nicht zu einer filmischen Nabelschau des Regisseurs geworden, sondern auch eine Metapher für den Zustand der thailändischen Gesellschaft.

Seit Jahren befindet sich das Land in politischer Stagnation, seit 2014 herrscht eine Militärdiktatur. Die schlafenden Soldaten sind ein naheliegendes Bild dafür und auch ihr Traumkampf für längst vergangene Herrscher deutet auf die historische Dimension, die die gesellschaftlichen Probleme Thailands noch immer beeinflusst. Diese Lesart von „Cemetary of Splendor“ ist bei weitem nicht die einzige, aber Apichatpong Weerasethakul zeigt auch ein paralysiertes Land.

Der thailändische Filmmacher Apichatpong Weerasethakul liefert mit „Cemetary of Splendour“ einen reichhaltigen, ruhigen und unaufgeregt poetischen Film ab.

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Copyright: Rapid Eye Movies

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Länge: 122 Minuten

Kategorie: Drama

Start: 14.01.2016

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Info

Cemetery of Splendour

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 122 Minuten
Kategorie: Drama
Start: 14.01.2016

Bewertung Film: (7/10)

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