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Im Keller

Geschrieben von Peter Gutting am 6. November 2014

Im Keller

Spätestens seit Bekanntwerden der monströsen Entführungsfälle Kampusch und Fritzl will man natürlich wissen, was in österreichischen Kellern vorgeht. Der Wiener Regisseur Ulrich Seidl interessierte sich allerdings schon viel früher für den Untergrund in braven Bürgerhäusern, ganz unabhängig von den schlagzeilenträchtigen Verbrechen. Weil ihm auffiel, dass die Untergeschosse in seinem Heimatland oft liebevoller ausgestaltet werden als die Wohnzimmer, drehte er ein bildgewaltiges Kuriositätenkabinett unterdrückter Sehnsüchte und Leidenschaften.

Im KellerStreng genommen ist Seidls Arbeit eine Dokumentation. Sie zeigt reale Protagonisten, keine erfundenen Charaktere. Dennoch sieht Seidl „Im Keller“ eher als Essayfilm. Mit gutem Grund. Es geht erkennbar nicht um das bloße Einfangen der Wirklichkeit, sondern um den stilisierten, raffiniert inszenierten, sehr bewusst komponierten Blick auf das Reale. Einen Blick, der schwarzen Humor freisetzt und immer auch eine Verunsicherung. Darf man sich wirklich zurücklehnen und sich einfach nur lustig machen über die Extreme menschlicher Abgründe? Oder stecken ähnliche Gefühle und Sichtweisen in Ansätzen in jedem Menschen?

Wie immer bei Seidl („Paradies: Glaube Liebe Hoffnung“) geht es um Skurrilitäten, die im Verborgenen blühen. Etwa um die Schießleidenschaft eines verhinderten Opernsängers. Oder um den Hornbläser aus der örtlichen Marschkapelle, der sich am wohlsten zwischen Nazi-Uniformen und Hitler-Bildern fühlt. Oder um die Frau, die täuschend lebensechte Baby-Puppen in den „Schlaf“ wiegt. Oder um zwei Paare, die über ihre sadomasochistischen Bedürfnisse Auskunft geben. Andere, „normalere“ Keller-Bilder gibt es auch, aber sie wirken wie Einsprengsel, die nicht weiter verfolgt werden.

Im KellerEs ist weniger der Inhalt als die Inszenierung, die den Film trägt und sogar rettet. Wie Seidl ein älteres Ehepaar vor die Rundung einer Kellerbar setzt, den Blick ausdruckslos in die Kamera gerichtet, die Laune in strengem Kontrast zu der eigentlich geforderten feuchten Fröhlichkeit an diesen Orten – das macht ihm so schnell keiner nach. Schon vergleichsweise alltägliche Einstellungen sprechen Bände. Etwa ein Haus von der Straße aus fotografiert, komplett versteckt hinter einer dichten Hecke, nur das Dach ist noch zu sehen. In der Montage verschachtelter Episoden rundet sich ein mal unterhaltsames, mal quälendes Bild des Unterdrückten und Verdrängten. „Im Keller“ spürt den eigentlichen Wünschen seiner Protagonisten nach, versucht zu verstehen, welche Fantasien sie in sicheren, abgeschotteten Bereichen ausleben. Aber der Film zeigt auch, welche Schäden solche Bedürfnisse erleiden, wenn man sie in den Keller sperrt.

Im Kinosaal nun leuchten der Untergrund und seine Bewohner im grellen Licht der Projektion. Nur der Zuschauer bleibt im Dunkeln und fragt sich, was Seidls Protagonisten bewogen haben mag, so tiefe Einblicke in etwas zu geben, was nicht ohne Grund privat bleiben sollte. Ein halbes Jahr habe man nach Menschen gesucht, die etwas zu verbergen haben und trotzdem bereit sind, es vor der Kamera auszubreiten, heißt es im Presseheft. Da bleib es nicht aus, dass man auf Menschen mit einem gewissen Hang zum Exhibitionismus stieß. Das Ergebnis ist dadurch weniger erhellend, als es bei Drehbeginn vielleicht angedacht war. Was das Leben im Keller ausmacht, erscheint eher als eine Sammlung von Kuriositäten denn als eine Erkenntnis stiftende Gesamtschau.

Im KellerWas bleibt, sind die außerordentlichen Schauwerte. Seidl und sein Kameramann Martin Gschlacht komponieren Bilder, die Horizonte öffnen und nie auf bloße Satire aus sind, selbst wenn es auf den ersten Blick so scheint. Die oft langen, meist statischen Einstellungen sind reich an Bedeutungsüberschüssen und erlauben ganz unterschiedliche Interpretationen. Wo sich der eine zum Fremdschämen veranlasst sieht, entdeckt der nächste vielleicht einen tiefschwarzen Humor und ein anderer womöglich die präzise Erkundung tiefenpsychologischer Ursachen für Fremdenhass.

Gewiss zerfasert „Im Keller“ ein bisschen und ist weniger auf ein eingrenzbares Thema fokussiert als Seidls „Paradies-Trilogie“. Das Paradox, in einen Bereich vordringen zu wollen, den die Menschen ganz bewusst gegen neugierige Blicke abschotten, kann auch Untergrundspezialist Ulrich Seidl nicht auflösen. Trotzdem gelingt ihm auf der visuellen Ebene ein ebenso kraftvolles wie verstörendes Panoptikum. Für Seidl-Fans sicher ein Muss, für alle anderen eine Geschmacksfrage.

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Copyright: Neue Visionen

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Im Keller

Länge: 81 min

Kategorie: Documentary

Start: 04.12.2014

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Im Keller

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 81 min
Kategorie: Documentary
Start: 04.12.2014

Bewertung Film: (6,5/10)

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