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Shirley – Visionen der Realität

Geschrieben von Peter Gutting am 25. Juli 2014

Shirley - Visionen der Realität

Wie wäre es, wenn die Bilder der modernen Kunst das Laufen lernten? Wenn man in die Momente vor und nach der eingefrorenen Szene eintauchen könnte? Der Wiener Künstler und Filmemacher Gustav Deutsch hat in seinem ersten Spielfilm das Experiment gewagt. Er baute 13 Bilder des Malers Edward Hopper als Kulisse nach und ließ die Personen lebendig werden: ein höchst ungewöhnlicher, aber streckenweise faszinierender Balanceakt auf der Grenzlinie zwischen Kino und bildender Kunst.

Shirley - Visionen der RealitätGustav Deutsch erzählt in Hoppers Bildern auch eine eigene, von ihm erfundene Geschichte. Aber zunächst einmal ist sein Film eine Verbeugung vor dem Licht- und Farbenspiel, den Stimmungen und den Bildaufbauten von Edward Hopper. Bis in kleinste Details wurden dessen Bilder im Studio nachgebaut. Jede Szene rankt sich sechs bis sieben Minuten lang um eines seiner Werke, beginnend im Jahr 1931 und endend mit einer Arbeit aus dem Jahr 1965. Die jeweils erste Aufblende zeigt dabei nicht unbedingt gleich das exakte Bild Hoppers. Es kann sein, dass eine Person erst noch den Raum betreten muss, dass ein Fenster zu öffnen oder zu schließen ist, bevor die endgültige Übereinstimmung mit dem Bild des Malers erreicht wird. Aber von Anfang an ist alles da: das Mobiliar, die Farben, das Licht und der Blickwinkel des Malers, der sich mit der Perspektive der Kamera deckt. Die bleibt starr an ihrem Standpunkt, nur der Ausschnitt kann variieren oder sich durch einen Schwenk verändern. Das erlaubt ein kongeniales Eintauchen in das Universum des Bildes – ein Erlebnis, das im Dunkel des Kinosaals seinen ganz eigenen Zauber entfaltet.

Auch Shirley (Stephanie Cumming) ist zunächst einmal ein Wesen aus Hoppers Welt. Ihre Kleider, ihre Haarfarbe und Gesten ähneln verblüffend denen der Vorlage, also Hoppers Frau Josephine Nivison, die für viele seiner Bilder Modell stand. Aber mit seiner Frauenfigur und deren Geschichte setzt sich Gustav Deutsch ganz bewusst von Hopper ab. Shirley ist Schauspielerin und steht politisch links, während Hopper eher dem konservativen Spektrum zuzurechnen war. Und sie ist eine – vor allem für die damalige Zeit der 1930er bis 1960er Jahre – äußerst selbstständige und selbstbestimmte Frau, während die Malerin Josephine Nivison ihre künstlerischen Ambitionen nach der Hochzeit weitgehend aufgab.

Shirley - Visionen der RealitätIn inneren Monologen erzählt Shirley aus dem Off ihre Geschichte. Wir hören, wie sie über ihre Arbeit mit dem „Group Theatre“ reflektiert, über jene real existierende Truppe, die sich die sozialrevolutionäre Aufgabe des Theaters und die naturalistische Methode des russischen Schauspielers und Theoretikers Stanislawski auf die Fahnen schrieb. Wie sie beschließt, die gemeinsame Wohnung mit ihrem Mann Steven (Christoph Bach) zu verlassen, um in der Theaterkommune zu leben. Wie sie dennoch über all die Jahrzehnte eine erfüllte Liebesbeziehung mit Steven lebt und ihre Karriere zurückstellt, als er schwer krank wird. Wie sie konsequent bei ihren Überzeugungen bleibt, eine Hollywoodkarriere als Verrat ablehnt, zeitweise als Platzanweiserin im Kino arbeitet und schließlich Anschluss an das ebenfalls revolutionäre „Living Theatre“ findet.

Das ist einfühlsam inszeniert und bietet trotz der vorgegebenen Beschränkungen von Raum und Zeit immer wieder Identifikationsmöglichkeiten und Anknüpfungspunkte für eigene Gedanken, Assoziationen und Erinnerungen. Trotzdem unterscheidet sich diese Art von „Erzählen“ radikal von fast allem, was sich normalerweise mit einer filmischen „Geschichte“ verknüpft. Die Stärke von „Shirley – Visionen der Realität“ liegt daher nicht in dem roten Faden, der Bilder wie „Room in New York“ mit „Hotel Lobby“ oder „Morning Sun“ verknüpft. Er liegt in dem kongenialen Anknüpfen an die Stimmung in Hoppers Bildern, die zwischen Melancholie und Schönheit, Entfremdung und Sehnsucht changiert. Und in dem Assoziationsraum, der sich durch die Konfrontation mit Shirleys Weltsicht sowie mit philosophischen und literarischen Zitaten öffnet.

Freunde des Erzählkinos muss man vor „Shirley – Visionen der Realität“ warnen. Der Film ist ein Experiment mit Bildern, Farben und Gedankenströmen. Sein Reiz lässt sich nur genießen, wenn man konventionelle Erwartungen ans Filmerleben zurückstellt und sich öffnet für etwas, was man so noch nie gesehen hat.

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Wir vergeben daher 6 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Rendezvous Filmverleih

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Shirley - Visionen der Realität

Länge: 92 min

Kategorie: Documentary

Start: 18.09.2014

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Info

Shirley - Visionen der Realität

Shirley – Visionen der Realität

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 92 min
Kategorie: Documentary
Start: 18.09.2014

Bewertung Film: (6/10)

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