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Die Karte meiner Träume

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 30. April 2014

Die Karte meiner Träume

Wenn der französische Filmemacher Jean-Pierre Jeunet im Abstand von vier bis fünf Jahren einen neuen Film konzipiert, so herrscht nicht nur unter den Vertretern der Presse eine gewisse Anspannung und Erwartungshaltung, sondern beim Publikum ebenso. Nachdem Jeunet mit Filmen wie „Delicatessen“, „Die Stadt der verlorenen Kinder“ und „Die fabelhafte Welt der Amelie“ sein Publikum verzaubern konnte, folgt nun ein modernes Kindermärchen des Schriftstellers Reif Larsen, in welchem man sich beinahe zwei Stunden lang treiben lassen kann.

Auf einer unbedeutenden Ranch im wunderschönen Montana wächst der 12-jährige T.S. Spivet (Kyle Catlett) zusammen mit seiner älteren Schwester Gracie (Niamh Wilson) und seinen Eltern auf. Sein Vater (Callum Keith Rennie) scheint in diese unwirkliche Umgebung genauso wenig hinein zu passen wie seine Mutter Clair (Helena Bonham Carter), denn während der eine ein besserer Cowboy aus einem anderen Jahrhundert zu sein scheint, widmet sich letztere der Wissenschaft und der Erforschung von Käfern. Das Talent für die Entdeckung von neuem wurde T.S. Spivet auch direkt in die Wiege gelegt, denn während das Wunderkind nicht nur seine Eltern, sondern ebenso seine Lehrer mit seinem umfangreichen Wissen auf die Palme bringt, versucht sich Gracie lieber dem Starruhm hinzugeben.

Die Karte meiner TräumeMit seinen Entdeckungen wird T.S. Spivet schon bald auch außerhalb der ländlichen Gegend bekannt und so erhält dieser eines Tages einen Anruf des renommierten Smithsonian-Museum in Washington, D.C., die ihm den begehrten Baird-Preis überreichen möchten. Kurzerhand packt T.S. Spivet seine Sachen, schreibt einen kurzen Abschiedsbrief und macht sich auf eine Reise quer durch die USA, wo er unterwegs nicht nur allerhand Bekanntschaften macht, sondern sein Erlebtes auch stets für seine Eltern festhält…

Als der US-Amerikaner Reif Larsen (Für immer Single?) vor nunmehr fünf Jahren sein Debütroman „The Selected Works of T.S. Spivet“ herausbrachte, stritten sich die unterschiedlichsten Verlage förmlich um die entsprechenden Rechte. Der Roman war aufgrund seiner Geschichte und der zahlreichen Illustrationen ein voller Erfolg, wurde in über 30 Sprachen übersetzt und so darf natürlich die Verwertung auf der großen Leinwand nicht fehlen, wofür sich nun niemand geringeres als Jean-Pierre Jeunet verantwortlich zeichnet.

Die Karte meiner TräumeIn ähnlich malerischen Bildern wie in „Die fabelhafte Welt der Amelie“ versucht Jeunet in erster Linie ein modernes Märchen zu zeichnen, bei dem er zum einen auf die wunderschönen Landschaftsaufnahmen Kanadas zurückgreift, zum anderen aber auch auf viele warmen Farben, die ein angeblich perfektes Amerika abbilden sollen. Inmitten dieser Idylle siedelt Jeunet sein 12-jähriges Wunderkind an, dass sich auf macht Amerika per Zug und Wohnwagen zu erkunden und dabei auf die verschiedensten Menschen stößt, die mit der Zeit Teil seines Lebens werden.

Ein wenig erinnert dies Konzept an Stephen Daldry seinen Film „Extrem laut und unglaublich nah“, doch anstatt auf die Suche nach dem eigenen Vater zu gehen, wird hier am ehesten die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit in den Fokus gerückt. Der Zuschauer wird immer wieder mit T.S. Spivet seinem Zwillingsbruder konfrontiert den man am ehesten als Geist deuten kann, es werden im Laufe der Zeit die unterschiedlichsten Schnipsel der Vergangenheit eingestreut, sodass sich ein großes Ganzes ergibt. Mit der Zeit rückt so die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit in den Mittelpunkt die T.S. Spivet von seinen Eltern nicht erhält, stattdessen wird er von diesen ignoriert, von ganz anderen Menschen im späteren Verlauf sogar ausgebeutet.

Die Karte meiner TräumeDie Reise selbst wird stets aus der Sicht von T.S. Spivet dargestellt, die Illustrationen des Romans werden anschaulich mit den verschiedensten Zeichnungen mit eingeflochten, wodurch der Zuschauer zum einen die Reise selbst mitverfolgen, zum anderen aber auch am Innersten der im Mittelpunkt stehenden Figur teilhaben kann. Diese Komposition aus Illustrationen und der farbenfrohen Umsetzung könnte man wohl am ehesten als modernes Märchen hinstellen in welchem eine Liebeserklärung an die Natur Kanadas mit eingeflochten wurde, doch so sehr dies augenscheinlich als Märchen durchgehen könnte, ist „Die Karte meiner Träume“ doch alles andere als für Kinder geeignet. Mit fortschreitendem Verlauf rückt mehr und mehr eine Erkenntnis in den Mittelpunkt welche eine gewisse Wendung darstellen soll, die schlüssig und gleichwohl emotional dargestellt wird, rein inhaltlich aber nichts für kleinere Zuschauer ist.

Von Seiten der Darsteller muss man natürlich am ehesten den kleinen Kyle Catlett (The Pale of Settlement) hervorheben, der nach einigen Kurzfilmen und zwei Auftritten in Fernsehserien nun zu seiner ersten großen Rolle gekommen ist. Catlett verkörpert die Figur des T.S. Spivet nahezu perfekt, denn während er zum einen die Rolle des neunmalklugen Wunderkindes wunderbar wiedergibt, schafft er es auch im späteren Verlauf jenen Wunsch nach Liebe und Zuneigung auszudrücken, die er so schmerzhaft vermisst.

Jean-Pierre Jeunet schafft es nach „Die fabelhafte Welt der Amelie“ erneut ein wunderschönes modernes Märchen hervorzuzaubern, welches nicht nur Aufgrund seiner Geschichte und seines Hauptdarstellern zu überzeugen vermag, sondern insbesondere mit den malerischen Bildern von Kameramann Thomas Hardmeier.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: DCM

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Die Karte meiner Träume

Länge: 105 min

Kategorie: Adventure, Drama

Start: 10.07.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

Die Karte meiner Träume

Die Karte meiner Träume

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 105 min
Kategorie: Adventure, Drama
Start: 10.07.2014

Bewertung Film: (7,5/10)

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