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Ida

Geschrieben von Peter Gutting am 13. März 2014

Ida

Sind die Polen Opfer, Täter oder beides? Gleich mehrere polnische Filme beschäftigten sich mit bislang tabuisierten Gräueltaten der eigenen Bevölkerung am Ende des Zweiten Weltkriegs. Teilweise lösten sie heftige politische Debatten aus. Das wird man von Pawel Pawlikowskis neuem Werk nicht behaupten können. Denn der seit 1977 in England lebende Filmemacher lässt die Verheerungen der polnischen Geschichte auf höchst indirekte Weise in sein Porträt zweier außergewöhnlicher Frauen einfließen. Dem Regisseur von „My Summer of Love“ (2004) gelingt erneut eine bewundernswert präzise Charakterstudie.

Im Mittelpunkt steht die 18-jährige Anna (Agata Trzebuchowska), eine Waise, die ihr ganzes Leben hinter Klostermauern verbracht hat. Allerdings keineswegs unglücklich, sondern im Einklang mit ihrer inneren Stimme und einer spirituell-künstlerischen Begabung, wie gleich die ersten Bilder zeigen, die sie beim hingebungsvollen Bemalen und Aufstellen einer lebensgroßen Christusfigur beobachten. Schon in wenigen Wochen wird Anna ihre Gelübde ablegen und ihr Leben dem Glauben weihen. Zuvor aber soll sie auf Wunsch der Äbtissin ihre Tante Wanda (Agata Kulesza) besuchen, die einzige lebende Verwandte. Beide Frauen haben sich noch nie gesehen, die erste Begegnung ist schroff und förmlich. Wie im Schnelldurchlauf knallt Wanda ihrer Nichte die Fakten ins Gesicht: Sie sei Jüdin und heiße eigentlich Ida, die Eltern wurden von einem polnischen Bauern ermordet, der mit den Nazis kollaborierte. Tags darauf will die Tante das Mädchen zurück ins Kloster schicken, überlegt es sich aber in letzter Minute anders. Wie über Nacht hat die innerlich zerrissene, höchst widersprüchliche Frau ihre Nichte ins Herz geschlossen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, um die genauen Todesumstände von Annas Eltern zu erkunden und die sterblichen Überreste zu suchen.

IdaWie eine Hommage an die 1960er wirkt die Ästhetik des auf 80-Minuten komprimierten Schwarz-Weiß-Films. Und das offenbar nicht allein deshalb, weil die Handlung zu dieser Zeit spielt und sich der Regisseur vor der polnischen Jazz-Szene dieser Ära verbeugen möchte. Die konzentrierten, poetisch gerahmten Einstellungen sind eine Zeitreise und ein Vergnügen für sich. Sie lassen Erinnerungen an Bilder von Antonioni, Bresson, aber auch des frühen Polanski aufsteigen. Nicht wegen des altmodischen, fast quadratischen Formats, das noch weiter in die Filmgeschichte zurückreicht. Sondern wegen der behutsamen Distanz, der genauen Beobachtung und der zärtlichen Empathie, mit der die meist unbewegten Kamera-Einstellungen von den Widersprüchen, den inneren Zweifeln und der ganz persönlichen Reise in die Vergangenheit der Figuren erzählen.

„Meine Schwester war die Künstlerin und ich die Abenteurerin“, sagt Wanda einmal über ihr inniges Verhältnis zu Annas Mutter. Etwas Ähnliches wiederholt sich in der Begegnung mit der Tochter, die viel von ihrer Mutter geerbt hat. Ganz langsam, mit einigen Widerständen und inneren Konflikten erobert sich nun die eine auch etwas von der Welt der anderen, schnuppert hinein, probiert aus und erweitert den Horizont ihres Lebens. Dass dies vor dem Hintergrund der beiden schlimmsten Diktaturen des 20. Jahrhunderts stattfindet und die „große“ Geschichte immer irgendwie miterzählt wird, zählt zu den großen Leistungen dieses stillen und dadurch umso eindringlicheren Films. Hier wird nichts vordergründig erklärt, nichts abgehakt oder in Schubladen gesteckt. Sondern „Ida“ lebt von genau durchgezeichneten Charakteren, denen der Film ein kurzes Glück schenkt, obwohl die erzählte Realität fürchterlich schmerzhaft bleibt.

IdaWanda raucht, trinkt und schleppt wahllos Männer ab, während die von einer Debütantin verkörperte Anna eine innere Ruhe ausstrahlt, die vielleicht nur in völliger Weltabgewandtheit reifen kann. Jenseits der geschichtlichen und persönlichen Verankerung entfaltet der Film so eine dritte, universelle Schicht, die vorurteilsfrei zwei gegensätzliche Dimensionen des Menschseins auslotet. Er tut es auf eine verträumte, leicht melancholische, aber auch von Hoffnung durchsetzte Weise – wie ein Klavierstück von Chopin oder eine langsame Nummer von John Coltrane.

Mit „Ida“ verbeugt sich Pawel Pawlikowski vor der großen Zeit des Kinos in den 1960ern und seinen diversen neuen Wellen in verschiedenen Ländern. Er tut dies mit einem hochaktuellen Stoff und einer universellen Geschichte über das Schicksal zweier beeindruckender Frauen, deren geheimnisvolle Freundschaft sich nachhaltig ins Gedächtnis prägt.

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Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Arsenal Filmverleih

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Ida

Länge: 80 min

Kategorie: Drama

Start: 10.04.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Info

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Ida

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 80 min
Kategorie: Drama
Start: 10.04.2014

Bewertung Film: (7/10)

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