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Zeit der Kannibalen

Geschrieben von Peter Gutting am 12. Februar 2014

Zeit der Kannibalen

Heute Indien, morgen Pakistan, übermorgen Bangladesch: Der Hunger des globalisierten Kapitals nach billigen Arbeitskräften ließ sich noch nie mit sozialen Bedenken abspeisen. Doch wer sind die Menschen, die von heute auf morgen ganze Industriezweige verlegen und Zehntausende arbeitslos machen? Johannes Naber („Der Albaner“) zeigt in seinem zweiten Spielfilm drei von ihnen – so individuell und zugleich exemplarisch, wie es nur die Fiktion kann. Seine brillante Mischung aus schwarzer Komödie und Sozialdiagnose kommt der Realität so nahe, dass es weh tut.

Gier ist nur ein Wort. Je öfter man es benutzt, desto blasser wird es. Bewegte Bilder hingegen können ihm ein Gesicht geben, es neu beleben mit einem Erfahrungsgehalt jenseits des Klischees. Frank Öllers (Devid Striesow) und Kai Niederländer (Sebastian Blomberg) sind mehr als Fratzen des entfesselten Kapitalismus. Sie könnten im selben Tennisklub spielen wie man selbst, vielleicht gingen sie sogar in dieselbe Schule. Aktuell haben sie allerdings Wichtigeres zu tun als sich um Freunde, Familie oder Hobbys zu kümmern. Seit sechs Jahren reisen sie um die Welt, verbringen ihre Tage und Nächte ausschließlich in Luxushotels und Konferenzzimmern.

Zeit der KannibalenÖllers und Niederländer sind Unternehmensberater, und zwar ziemlich erfolgreiche. Höflich, aber unerbittlich machen sie ihren Gesprächspartnern in der Dritten Welt klar, was die Auftraggeber von den Herstellern in den Billiglohnländern verlangen. Dabei zählen nur Zahlen, Zahlen, Zahlen. Wer die nicht bringt, ist draußen. Da kennen Öllers und Niederländer kein Pardon. Nur gegenüber der eigenen „Company“ fühlen sie sich hilflos. „Up or out“ lautet die Drohung. Will sagen: Wer so lange wie Öllers und Niederländer denselben Job macht, erklimmt entweder die nächste Stufe der Karriereleiter. Oder er fliegt. Da ist es kein gutes Zeichen, dass die Bosse dem Duo eine junge Frau zur Seite stellen, die frischen Wind in das eingespielte Team bringen soll. Bianca März (Katharina Schüttler) mischt zuerst einmal das unverhohlene Machotum auf. Aber hinter der frauenbewegten Fassade lauert ein weiblicher Haifisch.

Öllers und Niederländer haben wenig zu lachen, der Zuschauer umso mehr. Zum Beispiel darüber, wie  Niederländer gleich zu Beginn im gelben Trikot auf dem Rennrad hockt, die Straße fest im Blick hat – allerdings nur die auf dem Laptop, der neben dem Heimtrainer steht. Das Hotel zu verlassen, käme dem durchtrainierten Neurotiker nie in den Sinn. Sobald die Außenwelt nach innen dringt, und sei es nur in Form einer Fliege, macht er das halbe Hotel verrückt – das Biest muss unbedingt gefangen und ins Labor eingeschickt werden. Schließlich können afrikanische Insekten laut Niederländers Phobie sogar Aids und „Hepatitis D“ übertragen.

Zeit der KannibalenDrehbuchautor Stefan Weigl hat die Figuren natürlich überzeichnet, aber nur so leicht, dass sie kenntlich werden. Dasselbe gilt für den Inszenierungsstil von Johannes Naber. Die meist unbewegte Kamera zeigt in halbnahen Einstellungen eine Art Luxusgefängnis, das in Nairobi genauso aussieht wie in Mumbai oder Islamabad. Und je länger das absurde, aber schmerzhaft reale Spiel darin dauert, umso mehr weicht das Lachen über die Figuren einer seltsamen Betroffenheit. Wie würde man selber handeln, wenn Job, Familie und Selbstachtung auf dem Spiel stünden?

Es zählt zu den schönsten Überraschungen von „Zeit der Kannibalen“, wie nuanciert Regie, Drehbuch, und die großartigen Schauspieler die Balance zwischen Satire und Einfühlung halten. Devid Striesow zum Beispiel spielte in „Yella“ von Christian Petzold einen ähnlich kühlen „Berater“. Dort reduziert er die Figur handlungsbedingt auf die fast dämonische Perfektion des Pokerface. Dem Charakter des Öllers jedoch entlockt er eine menschlichere, fast sympathische Seite – ohne dass die Gegensätze auseinanderfallen wie bei Brechts „Puntila“, der nur im betrunkenen Zustand Gefühle zeigt.

Am Ende wird auch in diesem gar nicht lehrstückhaften Lehrstück die Gier nicht satt. Für den Zuschauer mag es ein Trost sein, dass nicht nur die Revolution, sondern auch der Kapitalismus seine Kinder frisst. In der Realität freilich funktioniert das System weiter, auch wenn Köpfe rollen.

Johannes Naber gelingt einmal mehr das Kunststück, kinogerechte Unterhaltung mit einem Blick auf die Realität zu verbinden. Anders als der typische „Problemfilm“ bietet „Zeit der Kannibalen“ einen sehenswerten schwarzen Humor. Das schließt jedoch nicht aus, dass die Figuren zwischen Tätern und Opfern changieren und am Ende nicht nur unseren Hass, sondern auch unser Mitleid verdienen.

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Copyright: Farbfilm

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Zeit der Kannibalen

Länge: 93 min

Kategorie: Drama

Start: 22.05.2014

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Zeit der Kannibalen

Zeit der Kannibalen

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 93 min
Kategorie: Drama
Start: 22.05.2014

Bewertung Film: (8/10)

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