cinetastic.de - Living in the Cinema

Blau ist eine warme Farbe

Bei den jährlichen Filmfestspielen von Cannes entbrennt unter den anwesenden Journalisten bei einem Glas Wein fast jeden Abend eine hitzige Diskussion über die jeweiligen Wettbewerbsfilme, gelungene Werke denen Chancen auf die begehrte Palme d’Or eingeräumt werden, während die Meinungen doch zumeist stark auseinander gehen. In diesem Jahr waren sich Kritiker, Publikum und selbst die Jury unter der Leitung von Steven Spielberg relativ schnell einig, denn die französische Produktion “Blau ist eine warme Farbe” dürfte trotz seiner Länge von gut drei Stunden der mit weitem Abstand beste Liebesfilm sein, den wir in diesem Jahr haben sehen dürfen.

Die 17-jährige Adèle (Adèle Exarchopoulos) ist im Grunde eine ganz normale Schülerin an einem Gymnasium Frankreichs mit dem Schwerpunkt Literatur, die ihre Freunde genauso mag wie das Lesen ungewöhnlicher Bücher, die im Unterricht schon bald ihren Reiz verlieren. Ihre ersten Erfahrungen im Bereich der Liebe macht Adèle mit dem älteren Mitschüler Thomas (Jérémie Laheurte), mit dem sie ausgeht, Händchen haltend im Kino sitzt und gleichwohl eine wunderbare Nacht verbringt, doch etwas fehlte dann doch. Was genau ihr fehlte soll sie bei einer schicksalhaften Begegnung auf einer Kreuzung erfahren, als eine ältere Frau mit blauen Haaren (Léa Seydoux) ihren Weg kreuzt, sie vollkommen perplex ihr hinterher sieht und fast noch in einen Unfall verwickelt wird. Adèle geht besagte Dame nicht mehr aus dem Kopf und so verfolgt sie eines Tages eine Gruppe von Frauen in eine Lesben Bar, wo sie das blauhaarige Mädchen wieder sieht. Beide kommen ins Gespräch, treffen sich schon bald vor der Schule wieder, wo der Grundstein für eine wunderbare Freundschaft gelegt wird, doch beide möchten mehr. Die Jahre ziehen ins Land, beide sind inzwischen zusammen, doch genauso wie sie die Liebe verbindet, entzweien sie die sozialen Unterschiede, bis es schließlich zum Bruch ihrer Beziehung kommt…

Blau ist eine warme FarbeIm Grunde wollte der französische Regisseur und Drehbuchautor Abdellatif Kechiche (Couscous mit Fisch) schon vor längerer Zeit einen Film über die Arbeit und das Leben einer Lehrerin drehen, doch obwohl ein erster Drehbuchentwurf bereits in seiner Schublade lag, ist es nie dazu gekommen. Vielmehr verband Kechiche seine Idee mit der losen Adaption des Comics “Le Bleu est une couleur chaude” der Autorin Julie Maroh, das von der Liebe zweier Frauen handelte. Zusammen mit seiner Co-Autorin Ghalia Lacroix (L’esquive) konzipierte Abdellatif Kechiche schließlich die universelle Geschichte einer Liebe zweier Frauen, die sich einander hingezogen fühlen und dennoch mit jenen Problemen zu kämpfen haben, die ein jedes Paar irgendwann zu bewältigen hat.

Mit seinen knapp drei Stunden ist Abdellatif Kechiche’s “Blau ist eine warme Farbe” im ersten Moment natürlich ein Film bei dem die meisten laut aufstöhnen werden, doch wenn man das Kino erst einmal verlassen hat und der Blick zur Uhr gerichtet wird, ist die vergangene Zeit doch kaum nachzuvollziehen. Die Geschichte selber könnte man am ehesten mit dem Ausdruck universell beschreiben, denn lässt man jenen Fakt einmal außen vor das es sich um eine gleichgeschlechtliche Liebe zweier Frauen handelt, haben diese doch mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, mit denen jeder einmal in seinem Leben konfrontiert wird.

Blau ist eine warme FarbeAbdellatif Kechiche beginnt seine fast zehn Jahre umspannende Erzählung mit jenem Moment den man wohl am ehesten mit dem Begriff Liebe auf den ersten Blick beschreiben würde, wenn sich zwei Frauen auf einer Kreuzung begegnen, die Blicke aufeinander treffen und man im nächsten Moment der anderen Person fast verzweifelt hinterher sieht, wenn diese sich wieder langsam entfernt. Es folgt für den Zuschauer unweigerlich der Bezug zur Textstelle eines Buches aus dem nur wenige Augenblicke vorher im Klassenzimmer vorgelesen wurde, wo von genau diesem Augenblick berichtet wurde und die Frage im Raum stand, wie es der Person denn gefühlsmäßig ergehen würde, wenn man einen solchen Moment ungenutzt hat verstreichen lassen. Es folgt nun nach dem Kennenlernen in einer Bar die leise Annäherung beider, ein erstes Treffen auf einer Parkbank, während sich Adèle nur wenige Augenblicke später den Anfeindungen ihrer Mitschülerinnen ausgesetzt sieht, die sie als verkappte Lesbe titulieren.

Obwohl man gerade an dieser Stelle mit einem Film über die Homosexualität an sich beginnen und in dem Zuge durchaus ein politisches Statement zur aktuellen Debatte zur gleichgeschlechtlichen Ehe in Frankreich abgeben könnte, ist Abdellatif Kechiche daran gar nicht gelegen. Vielmehr bezieht er sich erneut auf den Schlüsselbegriff der sozialen Gerechtigkeit, der nicht nur in all seinen Filmen zu finden ist, sondern ebenso erneut in “Blau ist eine warme Farbe”. Neben der sozialen Gerechtigkeit macht Kechiche aber auch auf die sozialen Unterschiede aufmerksam, die seinen ganzen Film durchziehen. Auf der einen Seite befindet sich Adèle die man am ehesten zusammen mit ihrer Familie der Arbeiterklasse zuordnen könnte, auf der anderen Seite die gebildete Kunststudentin Emma, deren Freundeskreis allein aus Künstlern, Galeristen und Schriftstellern zu bestehen scheint. Ein ums andere Mal drängt Emma ihre Freundin endlich einmal etwas aus ihrem Leben zu machen, ihre Schriften zu veröffentlichen, während sich Adèle in der Gesellschaft ihrer Freunde sichtlich unwohl fühlt, versteht sie doch kaum wovon alle reden.

Blau ist eine warme FarbeDiese sozialen Unterschiede führen mit der Zeit zum Bruch der Beziehung, zum nachvollziehbaren auseinanderleben, bei dem selbst das Fremdgehen von Adèle in gewisser Weise für den Zuschauer nachvollziehbar wird. In einer prägenden Szene wenn sie genau dies gesteht, ist die Kamera von Sofian El Fani (Le fil – Die Spur unserer Sehnsucht) wie so oft den Darstellern ganz nah. Jede Pore wird in Großaufnahme eingefangen, jede Träne mutet wie ein Wasserfall an, jede Gefühlsregung ist ganz genau zu sehen. Dies ist letzten Endes auch ein Markenzeichen von “Blau ist eine warme Farbe”, denn wo andere Filme Gefühle eher oberflächlich versuchen einzufangen, soll diesen hier die Bühne gehören. Nicht weniger elegant sind die zahlreichen expliziten Sexszenen gestaltet, die nicht selten zwischen fünf und zehn Minuten andauern. Jede Gefühlsregung wird ganz genau eingefangen, jeder Kuss versprüht eine Zärtlichkeit und eine Hingabe wie man sie nur selten hat sehen dürfen, während die beiden Darstellerinnen förmlich darin aufgehen.

Sie sind es letztendlich auch weshalb “Blau ist eine warme Farbe” für den Zuschauer so intensiv geworden ist, denn was Adèle Exarchopoulos (Die Kinder von Paris) und Léa Seydoux (Midnight in Paris) hier abgeliefert haben, kann man mit Worten kaum ausdrücken. Der zärtliche Schmollmund von Adèle Exarchopoulos der so unglaublich oft in Großaufnahme gezeigt wird und in erster Linie mit einer unbändigen Sehnsucht gleichzusetzen ist, die zärtlichen Blicke von Léa Seydoux wenn sie ihrer Partnerin schmachtend auf der Parkbank in die Augen schaut und diese zeichnet, wie kann man Liebe besser ohne Worte ausdrücken als es diese zwei Damen vermögen?

Abdellatif Kechiche’s “Blau ist eine warme Farbe” ist ganz ohne Frage der eindrucksvollste Liebesfilms den wir in diesem Jahr haben sehen dürfen. Eine Liebesgeschichte die universell für jede Beziehung stehen könnte, zwei wunderbare Darstellerinnen und eine Kameraführung von Sofian El Fani, die stets ein jedes Gefühl ganz nah versucht einzufangen. Ein wunderbarer Film den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

ct-Am_Damm_021Während ich mich der Rezension von Thomas Siebens zweitem Spielfilm „Staudamm“ nähere, lerne ich bei Wikipedia, dass es einen extra Eintrag für „Amoklauf an Schulen“ gibt und das Thema mit dem „Fachterminus School Shooting“ bezeichnet wird. Mit der sich stellenden Frage, ob das noch Wissenschaft ist oder einfach nur absonderlich, ist das Fass schon aufgemacht und die Thematik, mit der sich das deutsche Drama „Staudamm“ auseinandersetzt, sorgt schon vorab für Beklemmung und die Panik, dass eine filmische Annährung versagt. Ist aber nicht der Fall.

ct-Roman_liest_Tagebuch0011Der Mittzwanziger Roman (Friedrich Mücke) jobbt recht orientierungslos für den Münchener Staatsanwalt Dr. Scheid (Dominick Raake). Er spricht Prozessakten ein, um dem Juristen Zeit zu ersparen. Sein jüngstes Projekt sind die Akten eines Amoklaufes an einem bayrischen Dorfgymnasium. Auf die Frage des Anwalts was Roman denn von dem Phänomen halte, fällt dem Desinteressierten nichts ein. Den Job hat er eigentlich auch nur bekommen, weil Scheid Romans Mutter einen Gefallen tun wollte.

Dann wird es notwendig, dass Roman noch einige Akten bei der dörflichen Polizeistelle abholt und widerwillig macht er sich auf den Weg. Doch er kriegt die Akten nicht sogleich vollständig ausgehändigt und muss tagelang warten.  Zufällig trifft er Laura (Liv Lisa Fries), die ihn anspricht und anbietet, ihm die Schule zu zeigen, wo vor einem Jahr der Schüler Peter um sich geschossen hat und die seit damals ungenutzt ist. Erst später realisiert Roman, dass er Laura bereits von ihren Aussagen her kennt und sie eine Überlebende des Amoklaufes an der Schule ist.

ct-Christkindlmarkt1Das Ungewöhnliche und auch Herausragende an „Staudamm“ ist, dass hier nicht die Täterperspektive und Entwicklung des Amokläufers genutzt wird, um sich der Thematik zu nähern, sondern aus der Retrospektive eine tastende Aufarbeitung beginnt. Dabei nehmen die beiden Protagonisten ganz unterschiedliche Rollen ein: Laura als direkt Betroffene plagt sich noch immer mit ihrem Trauma herum, während Roman die analytische und anfangs auch distanzierte Perspektive einer nur medial betroffenen Öffentlichkeit widerspiegelt. Durch die Freundschaft der beiden Figuren entsteht auch eine aktive Auseinandersetzung mit dem tragischen, brutalen Phänomen. Romans Arbeit während dieser Zeit, das Einlesen der Prozessakten, sorgt für eine weitere, rational bürokratische Perspektive, die sich als roter Faden durch den Film zieht.

ct-Am_Damm_01Das Drehbuch von Christian Lyra, der den Film auch produzierte und schon 2009 mit Regisseur Thoms sieben zusammenarbeitete („Distanz“), ist ebenso nuanciert wie facettenreich kommt aber jederzeit ohne Betroffenheitsvertraulichkeit und reißerische Inszenierung aus. Das ist auch den beiden grandiosen Darstellern  zu danken, die ihre Rollen mit erstaunlich realistischer  Sachlichkeit und bar jeden Overactings interpretieren. Die Kamera folgt Roman dabei mit einer angenehm unaufdringlichen Nähe und zieht den Zuschauer so langsam aber umso nachdrücklicher in den Themenkomplex „Unverständliche Gewalttaten und Amokläufe“.

Einzig der Einstieg in den Film ist übermäßig sperrig geraten, denn Romans Lebenssituation wird auf recht enervierende Weise etabliert und überdramatisiert. Dass der junge Mann mit seiner Umwelt und sich selbst wenig anfangen kann, wird schnell klar.  Da hätte es nicht noch des Auftritts seiner Freundin bedurft, die er mal eben für ein Computerspiel versetzt hat; und die auch jetzt ignoriert wird, bis sie sich Schluss machend aus dem Bild bewegt. Danach entfaltet „Staudamm“ sein Sujet sehr souverän und weiß auf vielen Ebenen zu überzeugen. Die unterschiedliche Erzählebenen fügen sich zu einem stimmigen Gesamtbild, dass zwar immer noch nicht nachvollziehbar macht, warum junge Menschen ihre Umwelt in den Tod reißen, aber die Befindlichkeiten vor, während und nach der undenkbaren Tat auf vielschichtige Weise auslotet. Gesellschaftliche Fragestellungen kommen ebenso zum Tragen, wie emotionale Betroffenheit und die Möglichkeiten der psychologischen Aufarbeitung.

„Staudamm“ ist ein wichtiger und emotional wuchtiger Film, der sich dem Thema Amoklauf auf ungewöhnliche, aber sehr gelungene Weise nähert. Ohne didaktischen Duktus zeigt „Staudamm“ viele Facetten der Thematik, die zum Nachdenken anhalten, und weiß dennoch vor allem emotional zu überzeugen.

Staudamm-Plakat-ct

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Blau ist eine warme Farbe

Blau ist eine warme Farbe

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Paranormal Activity - Die Gezeichneten

Paranormal Activity – Die Gezeichneten

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Das merkwürdige Kätzchen

Das merkwürdige Kätzchen

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Beware of Mr. Baker

Beware of Mr. Baker

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Una Noche - Eine Nacht in Havanna

Una Noche – Eine Nacht in Havanna

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Sonnwende

Sonnwende

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Schwestern

Schwestern

Geschrieben von Ronny Dombrowski

My Beautiful Country

My Beautiful Country

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Alois Nebel

Alois Nebel

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Venezianische Freundschaft

Venezianische Freundschaft

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Concussion

Concussion

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Staudamm-Plakat-ct

Staudamm

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 88 Min.
Kategorie: Drama, Romance
Start: 30.01.2014

Bewertung Film: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

Film bewerten