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Der Geschmack von Apfelkernen

Geschrieben von Peter Gutting am 8. August 2013

Der Geschmack von Apfelkernen

Man kann darüber streiten, ob Apfelkerne nun vor allem bitter oder doch auch ein bisschen nach Marzipan schmecken. Aber klar ist, dass sich Filmemacherin Vivian Naefe in ihrer Verfilmung des Erfolgsromans von Katharina Hagena für einen süßlichen Erzählton entschieden hat. Die erfahrene TV-Regisseurin, die im Kino zuletzt mit der Kinderfilmtrilogie um „Die wilden Hühner“ vertreten war, macht aus der Vorlage eine märchenhafte Familiengeschichte. Dabei übersetzt sie die magischen Elemente des Romans in harmonieselige, sommerversunkene Bilder.

Der Geschmack von ApfelkernenIm Film wie im gleichnamigen Buch geht es um das Wechselspiel von Vergessen und Erinnern, also um die schönen und die weniger angenehmen Seiten der Vergangenheit. Und was wäre geeigneter, beides wieder aufleben zu lassen, als die Rückkehr an den Ort der Kindheit? In diesem Fall ist es ein altes, großzügiges Herrenhaus mit ebenso weitläufigem, leicht verwunschenem Garten. Iris (Hannah Herzsprung) hat das Anwesen von ihrer Großmutter Bertha (Hildegard Schmahl) geerbt. Die litt zwar in den letzten Jahren an Alzheimer, wusste aber noch, wie gern ihre einzige überlebende Enkelin die Ferien hier verbracht hatte. Tatsächlich steigen in der 28-jährigen verklärte Erinnerungen auf, als sie nach der Beerdigung allein durch die verlassenen Zimmer streift. Aber es melden sich auch verstörende Szenen. Vor allem aus der Zeit, als die pubertierende Iris zusammen mit ihrer älteren Cousine Rosmarie (Paula Beer) und dem Nachbarsmädchen Mira (Zoe Moore) ein „Trio Infernale“ bildete. An dessen Machtspiele denkt Miras Bruder Max (Florian Stetter) noch heute mit Schrecken.

Es ist Iris‘ Erinnerung, in der die Fäden aus der Familiengeschichte über drei Generationen zusammenlaufen. Flüssig springt das Drehbuch von Rochus Hahn und Uschi Reich hin und her, nahtlos bindet die Inszenierung die Zeitebenen zusammen. Es zählt zu den Stärken des Films, wie elegant die Vielzahl der Charaktere und der Erzählstränge eingeführt wird – keineswegs chronologisch, sondern eher nach der Logik von Iris‘ Bewusstseinsstrom, aber dabei doch vollkommen klar und deutlich voneinander abgesetzt.

Der Geschmack von ApfelkernenEs gibt ja tatsächlich viel Interessantes zu erzählen aus diesem Haushalt, der fast nur starke Frauen hervorgebracht zu haben scheint – mit wenigen Männern als Randfiguren. Das fängt schon an mit der Großmutter und ihrer Schwester, die ihrem Lehrer den Kopf verdrehen. Es setzt sich fort mit der mittleren Generation dreier Schwestern, von denen die eine (Meret Becker) bei einer Sekte landet und die andere (Marie Bäumer) elektrische Schläge austeilt – angeblich weil sie in einer Gewitternacht geboren wurde. Und es hört natürlich bei den Enkelinnen nicht auf, die ebenfalls verhängnisvolle Spielchen mit einem (Nachhilfe)Lehrer (Friedrich Mücke) treiben.

Auf der inhaltlichen Ebene geschieht durchaus Düsteres, aber weder die Bilder noch die Musik scheinen davon viel wissen zu wollen. Die Kamera geht auf Streifzüge durch den immer wieder ins Magische verklärten Garten, schwimmt mit der Protagonistin durch den einsamen Waldsee und tastet sich durch nostalgisch verdunkelte Innenräume. Dazu erklingen zaghafte, verträumte Klavierpassagen, manchmal verstärkt durch ein paar Geigen, besonders wenn der Himmel voll von denselben sein soll. Nur selten werden sie abgelöst von den dunkleren Tönen der Celli, die dann die dramatischeren Phasen ebenso abbildhaft untermalen.

Der Geschmack von ApfelkernenAuf diese Weise streift der „Der Geschmack von Apfelkernen“ immer wieder das Klischee einer heilen Kinder- und Jugendwelt, deren Abenteuer am Ende bloß Nerven kitzeln. Und verschenkt die ernsthafte Auseinandersetzung mit den wirklichen Dramen der Erinnerungsarbeit. Dazu trägt leider auch der belehrende Off-Kommentar bei, der alles deutet, alles einordnet und damit am Ende alles glattbügelt, was die Geschichte an Widerspenstigem, Verwirrendem und Nachdenkenswertem enthält.

Trotz überzeugender Schauspielerleistungen und einem Star-Aufgebot aus der mittleren und jüngeren deutschen Darstellergeneration hinterlässt „Der Geschmack von Apfelkernen“ einen konventionellen Eindruck. Für ein Fernsehpublikum, das sich öfter mal ablenken lässt, mögen die erklärenden Off-Kommentare ihre Berechtigung haben. Eine wirkliche Kino-Familiensaga hat jedoch mehr Tiefgang verdient.

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Wir vergeben daher 5,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Concorde, Gordon A. Timpen

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Der Geschmack von Apfelkernen

Länge: 121 min

Kategorie: Drama

Start: 26.09.2013

cinetastic.de Filmwertung: (5,5/10)

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Info

Der Geschmack von Apfelkernen

Der Geschmack von Apfelkernen

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 121 min
Kategorie: Drama
Start: 26.09.2013

Bewertung Film: (5,5/10)

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