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Der Seidenfächer

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 17. November 2012

Der Seidenfächer

Der für den BAFTA Film Award nominierte Regisseur Wayne Wang ist für seine zum Teil überaus komplizierten Liebesgeschichten bekannt, wenn er mit “Töchter des Himmels” (1993) oder “Überall, nur nicht hier” (1999) zwei Filme konzipierte, in denen die Suche nach Liebe und Glück im Vordergrund steht. Mit “Der Seidenfächer” führt er diesen Stil nun fort, erzählt er doch zwei unabhängig voneinander spielende Geschichten im China des 19. und des 21. Jahrhunderts.

Im China des 19. Jahrhunderts wurden die beiden Mädchen Lily (Bingbing Li) und Snow Flower (Gianna Jun) am selben Tag geboren und sind seitdem mit einem unsichtbaren Band miteinander verbunden. Obwohl beide unterschiedlicher Gesellschaftsklassen entstammen, wurden beiden am siebenten Namenstag die Lotusfüße gebunden, damit diese für die Heiratsvermittlerin später besser vermittelbar sind. Mit Hilfe einer eigenen Geheimsprache auf den Innenseiten von Fächern bleiben beide ihr Leben lang miteinander in Kontakt, sind sie doch als Laotongs zwei Schwestern im Geiste. Zweihundert Jahre später sind auch Nina und Sophia (ebenso Bingbing Li und Gianna Jun) zwei Schwestern im Geiste, doch als Nina eines Tages bei einem Fahrradunfall ins Koma fällt, beginnt Sophia damit die jahrelange Freundschaft zu überdenken…

Der SeidenfächerDer in Hongkong geborene und nun in Amerika lebende Regisseur Wayne Wang ist dafür bekannt Filme über entwurzelte Menschen im Abseits zu drehen, sieht man einmal von seiner Hollywood Produktion “Manhattan Love Story” mit Jennifer Lopez in der Hauptrolle ab. In seinem neusten Werk “Der Seidenfächer” versucht er frei nach dem Roman der US-Chinesin Lisa See aus dem Jahr 2005 eine Geschichte zu erzählen, die er über die verschiedensten Zeitebenen versucht zu verbinden und dabei Parallelen zieht, die selbst ein ganz persönliches politisches Statement nicht verbergen.

Bereits am Anfang seiner Geschichte widmet er sich mit Lily und Snow Flower zwei Personen im alten feudalen China, die trotz ihrer Verbundenheit als Laotongs einfach nicht zugestanden wird einander zu sehen. Die gesellschaftlichen Unterschiede sind einfach zu groß, eine Freundschaft beider wird durch die Eltern und die chinesische Führung verboten und auch wenn beide dies akzeptieren können und auch verstehen, so brechen sie damit doch wissentlich.

Der SeidenfächerDen Übergang vom alten China des 19. Jahrhunderts ins China des 21. Jahrhunderts wählt Wayne Wang anhand der immer wieder in den Fokus der Geschichte gerückten gebundenen Füße und der Fächer, wenn er beide Zeitebenen für kurze Zeit überlappen lässt. In der aktuellen Gegenwart gibt es ebenfalls zwei chinesische Frauen die tief im Geiste miteinander verbunden sind, die sich ähnlich wie Lily und Snow Flower damals von einander entfernten und sich dem strengen chinesischen Leben unterordneten, bei dem ebenso mit der eigenen Familie gebrochen wurde.

Bei dieser oftmals überaus sprunghaften Aneinanderreihung von Sequenzen fällt vor allem jener Fakt auf, dass Wayne Wang ungemein viel erzählen möchte und dabei viele Themen bestenfalls anschneidet. Er rückt gerade am Anfang das traditionelle binden der Lotusfüße und die damit einhergehende Heiratsvermittlerin in den Vordergrund nur um dies kurze Zeit später bereits wieder zu vernachlässigen, geht kurz auf die verbotene Freundschaft zweier gesellschaftlich völlig unterschiedlicher junger Frauen ein und blendet ohne ein eindeutiges Statement zu verfassen bereits wieder ins moderne China um, um dort die nun vorherrschende Rolle der Frau darzulegen, die sich entgegen früherer Bilder nun mehr und mehr dem Manne auflehnen.

Der SeidenfächerGerade bei letzterem Punkt kommt leider mit der Zeit immer deutlicher die inkonsequente Ausarbeitung der Figuren zum Vorschein, wenn man zum einen die Tante im 19. Jahrhunderte und die böse Stiefmutter im 21. Jahrhundert gegenüberstellt, die beide über recht wenig Profil verfügen. Tradition und Moderne werden ohne Frage kurz gegenübergestellt, die Rolle der Geschlechter angesprochen und selbst entfernt die Ein-Kind-Politik auf dem Lande kritisiert, dennoch bleibt Wayne Wang dem Zuschauer so viel mehr schuldig, müssen diese sich doch einen Großteil der wirklichen Kernaussagen selber zusammen reimen. Obwohl gerade letzteres ein gern gesehenes Kriterium für ein Gespräch nach dem Film ist, hätte man sich von Wang ein wenig mehr Stringenz gewünscht, denn obwohl Themen wie die Gegenüberstellung von Tradition und Moderne, Geschlechterrollen und unterschwellig angesprochene lesbische Tendenzen noch heute ein wichtiges Thema in China sind, so bleibt dem Zuschauer doch Wangs richtungsweisendes Fazit verborgen.

Der SeidenfächerIm Bereich der Darsteller muss man Bingbing Li (Detective Dee und das Geheimnis der Phantomflammen) und Gianna Jun (Blood: The Last Vampire) gar ein Lob aussprechen, können sie beide die zum Teil völlig verschiedenen Frauen in beiden Zeitebenen doch glaubhaft mit ihren jeweiligen Problemen darstellen. Unabhängig der jeweiligen Zeitebene ergeben sich so Charakteristika die man gar den Regeln der buddhistischen Wiedergeburt gleichsetzen kann, denn so wie beide Darsteller in beiden Zeitebenen vertreten sind, könnten sich laut besagter Schrift auch beide Seelen rund 200 Jahre später wiederfinden. Ungewöhnlich aber durchaus bemerkenswert ist ebenso die Idee Hugh Jackmann (X-Men Origins: Wolverine) als australischen Clubbesitzer in einer Nebenrolle zu integrieren, wodurch “Der Seidenfächer” nicht nur einen weiteren sympathischen Darsteler erhält, sondern ebenso wiederrum die Globalisierung und das offene China des 21. Jahrhunderts hervorhebt.

Ab dem 23. November ist “Der Seidenfächer” nach dem Bestseller von Lisa See im Verleih von Senator Home Entertainment auf Blu-ray, DVD und Video-on-Demand im Handel erhältlich und für all jene eine Empfehlung, die gute Melodramen zu schätzen wissen. Das Bild der Blu-ray ist mit 1080/24p gewohnt scharf und reich an Farben, während der Ton in DTS-HD 5.1 (DVD in Dolby Digital) gut abgestimmt auf die Boxen in Deutsch und im Chinesischen Original unterhalten kann. Wie immer waren wir insbesondere an den Extras des Mediums interessiert, doch ist außer einer Auswahl Trailern weiterer Filme auf der Blu-ray nichts enthalten. Hier hätte man sich insbesondere ein Making Of zur Entstehung des Filmes gewünscht sowie ein kurzes Interview mit Regisseur Wayne Wang, wo er auf die Romanvorlage näher hätte eingehen können.

Wayne Wangs “Der Seidenfächer” ist ein durchaus gelungenes Melodram das durch zwei vereinigte Geschichten völlig unterschiedlicher Perioden eine Parabel von Liebe und Freundschaft erzählt. Leider sind viele der angesprochenen Themen recht oberflächlich behandelt worden, wodurch oftmals bestenfalls an der Oberfläche recht komplexer chinesischer Strukturen gekratzt wurde.

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Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Senator Home Entertainment

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Der Seidenfächer

Länge: 104 min

Kategorie: Drama, History

Start: 23.11.2012

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Info

Der Seidenfächer

Der Seidenfächer

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 104 min
Kategorie: Drama, History
Start: 23.11.2012

Bewertung Film: (6,5/10)

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