Geschrieben von: Ronny Dombrowski

Karen Cries on the Bus

Karen Cries on the Bus

Das kolumbianische Kino hat sich in den letzten Jahren überwiegend mit größeren Konflikten auseinandergesetzt. Thematisiert wurden die zahlreichen Banden des Landes, der Drogenhandel, Entführungen und Auftragsmorde. Regisseur und Drehbuchautor Gabriel Rojas Vera besinnt sich nun allerdings wieder auf jene Menschen denen wir tagtäglich auf der Straße begegnen und schaut hinter diese Fassade. Er rückt eine weibliche Person in den Mittelpunkt seiner Geschichte und erzählt mit “Karen Cries on the Bus” von einer Frau die alles verlor und sich gleichzeitig selber wiederfand.

Karen (Angela Carrizosa) hat nach zehn Jahren ihren Ehemann verlassen und sucht sich in ihrer Heimatstadt Bogota eine neue Bleibe. Ohne Freunde, Bekannte und Geld kommt sie schließlich in einer heruntergekommenen Absteige unter und lernt dort die Friseurin Patricia (Angelica Sanchez) kennen, die soviel anders als Karen ist. Anfangs noch völlig verschieden muss sich Karen bald der neuen Situation anpassen, denn ohne Qualifikationen findet selbst sie keinen Job. Trotz langsamen Schritten in die eigene Unabhängigkeit geht ihr schon bald das Geld aus und Karin ist auf Kompromisse angewiesen, in denen sie Kleinigkeiten stiehlt und anfängt sich mit ihrer Umwelt zu arrangieren…

Der Film beginnt mit der Bedeutung seines Titels, wenn wir eines Abends eine namenlose Person in einem Bus beim weinen beobachten. Ohne Anteilnahme anderer Personen bewegt sie sich anschließend die steilen Straßen in Bogota entlang, schaut ängstlich von Links nach Rechts und fühlt sich deutlich unwohl. Laut an einer Tür klopfend nimmt sie in einem heruntergekommenen Haus das erstbeste Zimmer ohne es zu besichtigen, Hauptsache erst einmal runter von der Straße.

Ausgehend von diesen ersten zehn Minuten des Filmes ist für den Zuschauer sofort klar wie Gabriel Rojas Vera in seinem Spielfilmdebüt nun weiter vorgehen wird, denn dieser setzt einzig und allein seine Hauptdarstellerin in den Mittelpunkt und lässt die Kamera genau das sehen, was auch Karen sieht. Obwohl er uns auffällig lang verdeutlicht in welch sozialen Umfeld sie sich hineinmanövriert hat und wie angeekelt sie von den örtlichen Begebenheiten ist, konzentriert er sich schon bald auf das innere seiner Hauptdarstellerin und stellt dies in den direkten Bezug zu dem, was Frauen in Kolumbien ausgesetzt sind.

Karen Cries on the BusEingeengt in die Ehe haben die Frauen dort genau zwei Wahlmöglichkeiten, bei denen die eine Karriere und die andere Ehemann heißt. Jene Frauen die sich für den Ehemann entscheiden werden von diesem abhängig, müssen in den meisten Fällen ihren Job aufgeben und sind ein Leben lang in einem Käfig eingeengt, aus dem nur noch die wenigsten entfliehen können. Am deutlichsten zeigt uns Gabriel Rojas Vera dies am Beispiel von Karens Mutter, wenn diese immer wieder auf sie einredet und versucht sie zurück in die Arme ihres Mannes zu treiben, denn dieser würde doch ein Leben lang für sie sorgen. Karens Mutter habe dies alles schon einmal selber mitgemacht, doch Mann und Frau sind ein Leben lang für einander bestimmt, selbst wenn sie fortan in unterschiedlichen Schlafzimmern ruhen.

Ähnlich erging es auch Karens Freundin Patricia die sich auf ihre ganz eigene Art versucht mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Mit männlichen Freunden an jedem Finger schlägt sie sich durchs Leben, aber ist dies der Weg den auch Karen gehen kann? Obwohl sich Karen sichtlich verändert und sich selbst mit der heruntergekommenen Behausung anfreunden kann, geht sie den Weg der Bettelei. Am Busbahnhof weinend um Geld bettelnd, im Supermarkt Kleinigkeiten stehlend kommt sie irgendwie durchs Leben bis sie schließlich den Schriftsteller Eduardo (Juan Manuel Diaz Oroztegui) kennenlernt, der ihr wieder eine Perspektive aufzeigt. Er geht mit ihr ins Theater, zeigt ihr die schönen Seiten des Lebens und obwohl sie wieder Hoffnung bekommt, soll er dennoch genauso sein wie jener Mann, den sie nach all den Jahren verlassen hat.

Obwohl die Geschichte von Gabriel Rojas Vera einige Längen aufweist die man durchaus anders hätte lösen können, ist sie doch erschreckend real gehalten. Wie oft gehen wir täglich an Menschen vorbei die uns nach Kleingeld fragen, wie oft sehen wir in Bus und Bahn deprimierte Menschen und wie oft schauen wir hinter diese Fassade und Erkundigen uns nach dem Leid und die Schicksalsschläge, die diesen Menschen womöglich wiederfahren sind? Genau mit dieser Intension schließt sich auch der Kreislauf in “Karen Cries on the Bus” und ein neuer Menschen nimmt den Platz der am Boden liegenden ein, wenn Karen wieder mit Hoffnung ihren weiteren Lebensweg beschreitet.

Gabriel Rojas Vera’s Regiedebüt “Karen Cries on the Bus” ist ein eindrucksvolles Sozialdrama über Verlust, Hoffnung und einen Neuanfang wie er aus dem fernen Kolumbien wohl auf ein jedes Land zu übertragen ist. Trotz einiger Längen in der Geschichte wird man auch nach dem Film noch jede Menge Stoff haben über den man nachdenken wird.

Start: 26.07.2012

Copyright: Arsenal Berlin

Kategorie: Drama

Länge: 98 min

Bewertung Film: (7/10)

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