
Die Thematik eines Amoklaufes ist für alle Beteiligten immer schwer aufzuarbeiten, sind doch oft für alle damit verbundenen Personen die Entscheidungen anderer kaum nachzuvollziehen. Im Jahre 2002 versuchte Michael Moore mit “Bowling for Columbine” ausgehend von dem Massaker an der Columbine Highschool im April 1999 die Waffenliebe der Amerikaner zu erforschen, während Gus Van Sant nur ein Jahr später mit “Elephant” genau noch einmal dieses Ereignis aufbereitet, auch wenn er steht’s betonte der Film wäre fiktiv gewesen. Einen gänzlich anderen Weg versucht nun die Regisseurin Lynne Ramsay (Morvern Callar) aufzuzeigen, wenn sie das komplette Leben eines Täters bis hin zur eigentlichen Tat betrachtet.
Die allein lebende Eva (Tilda Swinton) hatte einmal alles gehabt was man sich nur vorstellen kann. In ihrer Jugend reiste sie um die Welt und lernte ihren Ehemann Franklin (John C. Reilly) kennen, setzte sich dann in einem gesitteten Familienverhältnis zur Ruh und zog ihre beiden Kinder Kevin und Celia auf. Heute lebt sie allein, wird von den Nachbarn mit erzürnten Blicken bestraft und auf offener Straße schon mal geohrfeigt, wenn sie nicht genau aufpasst. Auch in ihrer neuen Firma hat sie zu anderen Angestellten nur wenig Kontakt, ist ihre Vergangenheit doch bei allen hinlänglich bekannt. Obwohl sie früher zu den Vorzeigefamilien des kleinen Städtchens zählte, sollte ein Abend mit Blaulicht alles verändern…
Immer wieder wird in den Medien nach dem Warum oder dem Wieso gefragt, immer wieder versucht man Antworten auf eine misslungene Erziehung zu finden oder die Tat gar mit “Killerspielen” beantworten zu wollen, was aber treibt einen Menschen wirklich zu einer solchen Tat? Dieser Frage widmete sich Lynne Ramsay mit ihrem neusten Film “We need to talk about Kevin” der auf dem gleichnamigen Roman von Lionel Shriver aus dem Jahre 2003 beruht, in dem sie die Entwicklung des Täters in kleinen Rückblenden aus den Augen der Mutter zu erforschen versucht.
Der kleine Kevin war noch nie ein einfaches Kind. Bereits bei seiner Geburt hat er den ganzen Tag nur geschrien und versuchte so seine Mutter in den Wahnsinn zu treiben, später sagte er in ihrer Gegenwart kaum ein Wort und trug sehr lange Windeln und auch im Teenager Alter konnte Kevin nicht umher, seiner Mutter in allen Lebenslagen böswillig immer wieder auf die Nerven zu gehen. Der Film beginnt in der Zeit in der Eva noch um die Welt gereist ist und schon hier deutet sich Ramsay’s Spiel mit der Farbe rot an, wenn Eva mit Tomatenmark überzogen durch die Straßen von Pamplona auf Händen getragen wird. Kurz danach blendet die Kamera um in die Gegenwart, Haus und Auto sind durch rote Farbbeutel verunstaltet worden und der Hass schlägt Eva von allen Seiten entgegen.
In kleinen Rückblenden erfahren wir Details aus dem Leben von Eva und ihrem Mann Franklin, erleben die Geburt von Kevin und können so nach und nach bestaunen, wie Eva aus den Augen ihres Sohnes der blanke Hass entgegen strahlt. Kevin wird hierbei gleich von drei Darstellern gespielt, welche die verschiedensten Epochen der Kindesentwicklung symbolisieren und dennoch die Person Kevin äußerst Deckungsgleich wiedergeben. Von genannten drei Darstellern kann vor allem Ezra Miller (Afterschool) überzeugen, der das penetrante Quälen seiner Mutter in all den Jahren zur Perfektion getrieben hat, ohne das ein Außenstehender je etwas davon erfahren hätte. Egal ob dies die reinen Gespräche zwischen beiden sind, der nur angedeutete Hamster im Müllschlucker oder jenes perfide Spielchen, was seiner Schwester letzten Endes sogar ein Auge kosten sollte.
Neben Ezra Miller ist Oscar-Gewinnerin Tilda Swinton (Adaption) erneut eine feste Bank wenn es darum geht, die leidende Ehefrau und Mutter zu spielen. Ihre Darbietung und ihr Leiden ist so dermaßen intensiv, als das man sich mehr als einmal die Frage stellt, warum sie ihren eigenen Sohn nicht einfach einmal strenger behandelt oder gar zu einem Psychiater geschleppt hätte.
Nachdem bis zuletzt in den Erinnerungsfetzen immer nur angedeutet wurde was passiert sein könnte, sind die letzten fünfzehn Minuten dafür umso intensiver. Es wird gar nicht erst die Frage nach den Waffengesetzen gestellt, denn die Tatwaffe hätte daran nichts geändert. Vielmehr stellt Lynne Ramsay dem Zuschauer die Frage, ob das Leben die Täter zu dem macht was sie sind oder ob diese womöglich schon von Grund auf böse geboren werden.
“We need to talk about Kevin” ist ein unglaublich intensives Drama, dass den Zuschauer auch lange Zeit nach dem Abspann nicht mehr loslassen wird. Perfekt gespielt von Tilda Swinton zeigt uns Lynne Ramsay eine Studie in rot, die den Zuschauer letztendlich mit einem völlig neuen Gesichtspunkt konfrontiert.
