Geschrieben von: Ronny Dombrowski

Shame

Shame
Brandon (Michael Fassbender) könnte die Welt zu Füßen liegen. Er ist attraktiv, gepflegt, geschmackvoll gekleidet und überaus erfolgreich in einem angesehenen Büro mitten in Manhattan. Trotz allem ist Brandon nicht glücklich, denn jede Sekunde seines Denkens wird ausgefüllt von Sex. Er masturbiert zuhause unter der Dusche, auf der Herren Toilette in der Firma, hat Sex mit Fremden Frauen unter Brücken, bestellt sich Prostituierte nach hause und besitzt trotz allem auch noch eine überaus umfangreiche Porno-Sammlung auf dem heimischen, wie auch dem beruflichen Computer. Als eines Tages seine jüngere Schwester Sissy (Carey Mulligan) in seiner Wohnung auftaucht und dort einige Tage bleiben möchte, gerät sein Leben aus dem Ruder. Die talentierte und latent depressive Nachtclub Sängerin sucht Wärme und Zuneigung die er ihr beim besten Willen nicht geben kann und als sich dann ausgerechnet auch noch seine Kollegin Marianne (Nicole Beharie) in ihn verliebt, steht er vor einer folgen schweren Entscheidung…

Nach seinem Regiedebüt “Hunger” arbeitet Regisseur Steve McQueen (Twelve Years a Slave) nun bereits das zweite Mal mit Michael Fassbender (Haywire, 300) zusammen, der ein Fable für extreme Rollen zu haben scheint. Zusammen mit seiner Drehbuchautorin Abi Morgan (Die eiserne Lady) entwickelt McQueen ein Drehbuch, dass die Abgründe zweier menschlicher Seelen nicht besser hätte zeigen können.

Die Rolle von Michael Fassbender dürfte grade für die weiblichen Fans den einen oder anderen Grund liefern, sich diesen Film anzusehen. Egal ob er grade nackt durch seine Wohnung läuft, an einer der vielen Stellen masturbiert oder es mit einer von vielen Frauen treibt, die er im Grunde gar nicht kennt, die Kamera ist immer dicht am Geschehen und zeigt voyeuristisch genau das, was Brandons innerstes versucht zu verbergen. Genauso kahl wie seine Wohnung eingerichtet ist, ist auch sein Leben. Brandon hat keine Freunde und Beziehungen geht er prinzipiell aus dem Wege. Wie antwortete er doch so passend in einem Restaurant in Manhattan auf die Frage, wie lang seine längste Beziehung war? Lange nachdenkend antwortet er “Vier Monate”, bis ihn der Kellner sofort wieder unterbricht, was auch ein Sinnbild für Brandons Beziehungsangst ist. Diese Angst geht sogar soweit, als das er trotz der vielen “Übung” bei seinem zweiten Date mit Marianne im Hotel keinen Hoch bekommt, was seine Angst vor dem Versagen erneut in einem Höhepunkt gipfeln lässt. Statt dessen wirft er sie unsanft aus dem Zimmer, bestellt sich eine Prostituierte und treibt es statt dessen mit der.

ShameAll diese Routine bringt aber seine Schwester Sissy gehörig durcheinander, als diese auf einmal in seiner Wohnung erscheint. Seit Wochen ruft diese ihn an, seit Wochen ignoriert er ihr Bitten nach einer Bleibe und nun wird er unerwartet mit einem Menschen konfrontiert, dessen Leben im Grunde genauso leer und verworren ist, wie sein eigenes. McQueen sagt uns zu keiner Zeit worin diese innere Abneigung begründet liegen könnte, er sagt uns nie, wie es zu dieser Situation kam, er lässt viel mehr dem Zuschauer die Wahl der eigenen Interpretation, um dieses Rätsel zu lösen. Höhepunkt zwischen beiden ist der Auftritt Sissy’s in einem Nachtclub, wo sie wohl die traurigste Version von Sinatras “New York, New York” singt, die man bisher gehört hat. In typischer McQueen Manier hält er in einer einzigen Aufnahme minutenlang auf die beiden Geschwister, zeigt wie dieser Song bei Brandon eine Träne auslöst und diesen innerlich berührt, bis er abrupt nach dem Song wieder seine Schutzwand aufbaut, um ja keinen Menschen näher an sich heran zu lassen.

Obwohl die Darbietung von Michael Fassbender und Carey Mulligan (Drive, Alles, was wir geben mussten) ohne Tadel ist, kommt doch “Shame” insgesamt nicht an McQueens Erstlingswerk “Hunger” heran. Die Kamera ist gut und lädt uns zu den gewohnt langen Einstellungen ein, die Bilder und Farben sind gut gewählt und dennoch vermisst man grade an der Geschichte irgend etwas. Im Grunde geht es immer nur von Sex zu Sex, man denkt sich die angesprochenen Probleme der Protagonisten aber wirklich etwas aufgeklärt wird nie. Hier hätte ich mir eindeutig mehr “Inhalt” gewünscht.

Trotz guter Arbeit von McQueen und überzeugender Leistung von Fassbinder und Mulligan enttäuscht “Shame” mit seiner eigenen Story. Wer mehr als Sex erwartet, dürfte womöglich enttäuscht das Kino verlassen…

Start: 01.03.2012

Kategorie: Drama

Länge: 101 min

Bewertung Film: (6/10)

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