Geschrieben von: Ronny Dombrowski

Schilf – Alles, was denkbar ist, existiert

Sebastian (Mark Waschke) ist Physikprofessor an der Universität Jena und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Paralleluniversen, die er zu beweisen versucht. Bei einer seiner Vorlesungen kommt sein Studienfreund Oskar (Stipe Erceg) – Professor für theoretische Physik am CERN in Genf – in den Saal, belächelt diese Theorien, den festen Glauben daran und tut dies als Science-Fiction ab. Um sich der Beweisführung widmen zu können, schickt Sebastian seinen Sohn Nick (Nicolas Treichel) ins Ferienlager und seine Frau Maike (Bernadette Heerwagen) auf eine Radtour in die Alpen. An einer Raststätte verschwindet Nick jedoch spurlos und Sebastian erhält einen geheimnisvollen Anruf der Entführer mit den Worten: “Dabbeling muss weg”. Dabbeling – Chefarzt des Krankenhauses und Freund seiner Frau – ist also der Preis seines Sohnes, leichter getan als gesagt. Mit einem dünnen Stahlseil über die Straße gespannt, holt er den herankommenden Radprofi von seinem Rad und hat sich diesem entledigt, da steht plötzlich ein alter und zerzauster Mann namens Schilf vor ihm. Von der Angst gepackt verschwindet Sebastian vom Tatort, doch auf einen zweiten Anruf wartet dieser vergebens. Als Nick plötzlich wieder auftaucht und weder Frau noch Polizei seiner Geschichte glauben, entgleitet ihm zunehmend die Kontrolle. Was passierte wirklich und wer ist dieser ominöse Schilf?

Schilf - Alles, was denkbar ist, existiertDie Frage nach parallel Welten und Universen, Zeitreisen und Wurmlöchern beschäftigt die verschiedensten Autoren schon genauso lange, wie es die ersten Theorien renommierter Wissenschaftler gibt. Egal ob dies J.J. Abrams in seinen Fernsehserien “Lost” und “Fringe” versucht zu nutzen, oder aber Richard Kelly im noch immer unvergleichlichen “Donnie Darko – Fürchte die Dunkelheit”, jede Verfilmung hat ihre ganz eigenen, positiven oder negativen, Reize. Den neusten Film zu parallelen Universen drehte die Physikerin und Regisseurin Claudia Lehmann (Hans im Glück). Basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Juli Zeh (Adler und Engel) entwickelt Lehmann zusammen mit ihrer Drehbuchautorin Leonie Terfort (Hallo Robbie!) eine Adaption, die nicht nur um einiges kürzer als der Roman ist, sondern mit der Person Schilf auch vollkommen neue Wege geht.

Mit einem durchaus interessanten Ansatz versuchen Lehmann und Terfort den Zuschauer in einen dramaturgischen Thriller zu versetzen, wofür sie einerseits viele Spuren für diverse Nebenhandlungen streuen und diese versuchen physikalisch zu erklären, andererseits aber bewusst davor zurück schrecken, aus dem Film genau dies zu machen, was er eigentlich darstellen soll. Lieblos überspringt das Drehbuch Enthauptungen, geht fast spurlos mit dem an sich selbst zweifelnden Sebastian um und lässt das mysteriöse beim besten Willen nur erahnen. Das Drehbuch ist zu oberflächlich, zu sauber, zu harmlos, es weiß einfach nicht den Zuschauer auf längere Zeit zu fesseln, dabei haben doch grade Zeitreisen mehr Möglichkeiten, als dies jedes andere Genre bieten würde. Ähnlich verhält es sich mit der Einführung der Person Schilf, die entgegen der Buchvorlage genau das ist, was schon sehr früh im Film zu erahnen ist. An dieser Stelle muss man sich auch die Frage der Logik gefallen lassen, denn wenn Sebastian und Oskar seit dem Studium die dicksten Freunde sind, warum erkennt er diesen dann nicht an Stimme und Ablauf seiner Bewegungen wieder?

Schilf - Alles, was denkbar ist, existiertNeben der nur als Durchschnitt anzusehenden Geschichte kann Lehmann dennoch mit ihren Bildern und der Auswahl ihrer Hauptdarsteller überzeugen. Obwohl man weder Mark Waschke (Fenster zum Sommer) noch Stipe Erceg (Die fetten Jahre sind vorbei) den Physiker so richtig abnehmen mag, spielen sie dennoch überzeugend auf. Während beide eine überaus starke Leinwandpräsenz besitzen, spielt Waschke eine gute an sich selbst zweifelnde Figur und Erceg hat genau die Portion mystischen Touch, die er für die Rolle als eifersüchtiger Freund benötigt.

Mit “Schilf – Alles, was denkbar ist, existiert” ist Claudia Lehmann ein Film gelungen, über den man geteilter Meinung sein kann. Das Drehbuch hat die eine oder andere logische Kante und hätte etwas mehr Mut verdient, wobei die Bilder und die Darsteller wieder vieles herausholen. Letztendlich bleibt es aber dennoch nur kurzweilige Unterhaltung, die kaum den Sprung aus dem typischen Kino Durchschnitt vollziehen kann.

Start: 08.03.2012

Kategorie: Drama, Thriller

Länge: 90 min

Bewertung Film: (6/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1